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Wittgenstein
Elisabeth Gutjahr
Hörbuch-Kritik
Klaus
Löwitsch starb im Winter 2002. Auf der Website des Solo-Hörbuchverlags hat
man es bis zum Oktober 2003 noch nicht geschafft, den Tod des Schauspielers
in seine Biografie aufzunehmen. Das ist zwar einerseits nachlässig, andererseits
aber eine schöne Illustration eines Satzes aus dem "Tractatus logico-philosophicus":
"Der Tod ist kein Ereignis des Lebens". Also auch nicht Teil einer Biografie.
Nun hat man Löwitsch nicht unbedingt als feinsinnigen Philosophen in Erinnerung.
In seinen Rollen spielte der Mime meist raubeinige Kerle, die sich entweder
mit losen Gestalten ("Peter Strohm") oder mit Frauen ("Die Ehe der Maria
Braun") herumschlagen mussten und dabei eher wortkarg blieben. In dieser
Produktion des Textes von Elisabeth Gutjahr zeigt sich Löwitsch von einer
anderen Seite. Ausgerechnet Wittgenstein, den Philosophen der Sprachkritik,
nimmt er sich vor. Die CD ist wie in vorauseilender Erschütterung in tiefes
Schwarz gehüllt. Mit typisch kauzig-knarzigem Ton wühlt er sich durch den
Text, der düster anmutet. Teile aus Wittgensteins "Tractatus logico-philosophicus"
vereinen sich hier mit lyrischen Texten von Rilke und Trakl, mit Teilen
der Biografie Wittgensteins, mit Musik. Es werden fiktive Verbindungen geknüpft,
aus denen ein neuer Sinn entstehen kann, wenn man sich auf sie einlässt.
Und über allem diese tiefe Stimme Löwitschs, der ganz auf den Grund der
Texte zu gehen versucht. Im Prolog hören wir Texte von Rabindranath Tagore,
einem indischen Philosophen, von Lord Alfred Douglas, Ernest Dowson und
James Saunders, aber auch von Löwitsch selbst. "Christuskommando" heißt
sein Beitrag, und er zeigt, dass der Schauspieler auch ein guter Erzähler
war. Anhand der Geschichte eines versuchten Freitods verzweifelt in "Simpson",
einer Bearbeitung eines Textes von James Saunders, ein Lehrer an der Welt
- und an der Sprache. Löwitsch spricht den Monolog mit langem Zögern, mit
einem Sich-Winden vor den Aussagen, das zunächst befremdet, dann aber als
passend erkannt wird. "Du musst dein Leben ändern!": Diese Überzeugung Löwitschs
wird in diesem Text auf die Probe gestellt.
Die Musik von Anton von Webern und Franz Schubert sowie die Schlagzeugeinlagen
sorgen für eine unheimliche Stimmung, die jederzeit ins Mystische abzugleiten
droht. Aber auch das ist nur eine Illustration eines Satzes von Wittgenstein,
den positivistischen Philosophen entgegengeschleudert: "Es gibt allerdings
unaussprechliches, dies zeigt sich, es ist das Mystische." Das wiederholt
geraunte "Wittgenstein" als Quellangabe unter einem Zitat gerinnt zu einer
magischen Formel.
Entstanden ist so ein Patchwork-Hörspiel, das eine neue Sicht auf einen
der berühmtesten Philosophen des 20. Jahrhunderts möglich macht. "In diesen
Wittgenstein leg' ich mein Herz - und laß alles andere ziehn" sagte Löwitsch
kurz vor seinem Tod über dieses Projekt. Diese CD ist so etwas wie sein
Vermächtnis geworden. Jedenfalls ist sie einer solchen Aufgabe würdig.
Tina Manske
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Verlegt bei
Solo Hörbuch-Verlag
Literaturkritiken.de, Dezember 2003
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