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Vorbild Deutschland
Warum die Amerikanisierung unserer Wirtschaft ein Ende haben muss
Detlef Gürtler
Buch-Kritik
Wer
in diesen Tagen den Fernseher einschaltet oder eine beliebige Tageszeitung
aufschlägt, der könnte denken, Deutschland und seine Bürger gingen geradewegs
dem Fegefeuer entgegen. Reformunfähig, heißt es da, sei die deutsche Wirtschaft,
nicht flexibel genug, zu gewerkschaftslastig, zu eingefahren, insgesamt
eben zu deutsch.
Der Blick wird über den großen Teich gelenkt und das amerikanische Wirtschaftssystem
als das einzige Heilversprechen propagiert. Detlef Gürtler, selbst Wirtschaftjournalist
u. a. für die "tageszeitung" und das "Handelsblatt",
geht diese Jammerei offensichtlich tierisch auf die Nerven - was man verstehen
kann. Und so legt er mit "Vorbild Deutschland" eine Streitschrift vor, die
man sich ruhig einmal zu Gemüte führen sollte, um die Perspektiven im eigenen
Kopf zurecht zu rücken.
Provokant will Gürtler sein, und er ist es auch. Polemisch schreibt er die
Miesmacher in diesem Land tot, ohne immer groß auf die Fakten einzugehen.
Schlagworte sind ihm wichtiger. Traue keiner Statistik, die du nicht selbst
gefälscht hast, sagt er sich, und bietet deshalb ebenso viele und ebenso
widerlegbare Zahlen an wie seine Gegner. Es gilt, so Gürtler, die vermeintlichen
Schwächen als Stärken zu erkennen. Unflexibilität? Nenn es Stabilitätskultur.
Unser Sozialstaat - nicht mehr bezahlbar? Die Deutschen sterben aus? Alles
Quatsch sagt Gürtler. Die Rente ist sicher.
Er mag ja Recht haben - und die Kassandrarufe im Land nehmen sich bald tatsächlich
schon aus wie selbsterfüllende Prophezeiungen -, aber Gürtler geht dem Leser
auf die Dauer schon mächtig auf den Zeiger mit seiner Besserwisser-Attitüde
und seinem "Ich-bin-schon-hier"-Geschrei - nur die Fehler der anderen aufzeigen
ist zu wenig. Das ist zwar zeitweise erhellend, aber auf die lange Sicht
zu wenig. Am dringendsten wünscht man sich ein Konzept, wie die Amerikanisierung
der deutschen Wirtschaft denn nun wirklich verhindert werden kann. Falls
sich Gürtler daran versuchen will: bitte mit weniger Polemik und dafür mit
mehr Inhalt.
Tina Manske
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Verlegt bei
Eichborn
Literaturkritiken.de, August 2003
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