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Unter Schweinen
Peter Godazgar

buchBuch-Kritik
 Pfeil Waldo ist ein kauziger Kerl. Er hat ein Faible für gerade Zahlen, weshalb er immer zwei Gummibärchen auf einmal in den Mund steckt. Er darf auch auf zwei Gehwegplatten auf einmal treten, was vielen Mitmenschen verwehrt ist. Manchmal verspürt er den unwiderstehlichen Drang, das Licht mehrfach an und aus zu schalten, um sich zu vergewissern, dass es tatsächlich ausgeschaltet ist. Manchmal macht er sich deshalb auch Sorgen. Manchmal ist er auch einfach nur schusselig, steckt die Wäsche statt in den Wäschekorb ins Klo. Na, denkt er, solange er nicht abzieht, ist vielleicht nicht alles so schlimm, wie es im ersten Moment aussieht.

Seit Annette ausgezogen ist, ist Oskar sein einziger Freund. Von Alfred einmal abgesehen, denn Alfred ist kein guter Zuhörer und in Sachen Liebeskummer alles andere als ein Beistand. Ganz anders Oskar. Der steht still in der Ecke und hört zu. Dann und wann antwortet er durch simples Deckel auf oder zu, je nachdem, und manchmal gar nicht. - Oskar ist ein Mülleimer mit defektem Bewegungsmelder, ein Mitbringsel von Waldos Oma, das sie aus Japan mitbrachte. Das mysteriöse Eigenleben veranlasste weiland Annette dazu, dem Mülleimer einen Namen zu geben. Seitdem heißt das gute Stück Oskar, wie der Mülltonnenbewohner aus der Sesamstraße.

Ursprünglich dachte ich, hier hätte ich es mit einem Krimi zu tun, wurde aber schnell eines Besseren belehrt. Das Buch handelt zwar vom Privatermittler Markus Waldo, der sich - für seine Verhältnisse recht eingehend - mit einem Kriminalfall beschäftigt, auch wenn er stets unvorbereitet irgendwelche Termine wahrnimmt, bei denen er immer wieder erkennen muss, dass seine Gegner nicht doof sind. Diese Einfalt bringt ihn schließlich auch im wahrsten Sinn des Wortes unter Schweine. Er ist eben doch nicht so ein überzeugter Privatermittler wie z. B. Mrs Marple - auch wenn er es hinsichtlich seiner Schrullen mit ihr aufnehmen kann.

Aber eigentlich wird der Leser eher Zeuge einer Woche im Leben Waldos. Peter Godazgar beschreibt diese Woche so unterhaltsam und amüsant, vor allem aber auch so wirklichkeitsnah, dass ich immer wieder innehielt und dachte, das kenne ich, oder, das ist mir auch schon passiert. Hier sind vor allem die Unterhaltungen mit seinem Freund Alfred zu nennen, die häufig genug aneinander vorbeigehen, so wie es jeder wohl schon selbst erlebt hat. Oder die Macken des alten Fiesta, die Waldo durch magischen Blick unter die Motorhaube zu beheben versucht. Manchmal hat er sogar Erfolg damit.

Einfühlend beschreibt Godazgar auch Waldos Treffen mit Annette, die er immer noch liebt. Nach diesem Treffen kommt es zu einer Wende, die der Autor zwar prägnant aber absolut kitschfrei präsentiert. So menschlich und wirklichkeitsnah Waldo in diesem Buch auftritt, so echt und vielschichtig ist auch das übrige Personal von Alfred über Annette bis zum Nachbarn im Feinrippunterhemd, der wie ein Zerberus über seine Einfahrt wacht. Wer Kopfkino liebt, wird begeistert sein: Ein Buch in Technicolor und Dolby-Surround.
Jo-Achim Goike

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Wertung: 8 von 10

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 Copyright Jo-Achim Goike für Literaturkritiken.de, 10. April 2005
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