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Tödliche Flut von Patrick Robinson
Buchkritik
 Nahezu
unbemerkt wird der Vulkanologe Prof. Paul Landon entführt. Am
nächsten Tag steht in der Zeitung zu lesen: "Tapferer Roger
im Einsatz getötet - neben ihm seine Hundeführer - Polizistenmord
gibt Scotland Yard Rätsel auf". Die Welt wundert sich über
die in der Menge der Heimkehrer von einem Konzert dahingemetzelten
Polizisten, Prof. Landon ist mit keiner Silbe erwähnt.
So brutal das Vorgehen der Entführer auch war, so angenehm gestaltet
sich der Aufenthalt für Paul Landon während seiner Gefangenschaft.
Der Kopf der Entführerbande, der ehemalige SAS-Major Ray Kerman,
der jetzt als General Ravi Rashud oberster Chef der revolutionären
HAMAS-Einheiten war, lässt Landon bei Tee und Keksen ausführlich über
sein Thema referieren: Vulkane und wie sie zum Ausbruch gebracht
werden können. Hierbei geht es im Speziellen um den Cumbre Viejo,
jenen Vulkan auf der Insel La Palma, dessen Ausbruch eines Tages
den größten Tsunami seit Menschengedenken auslösen
könnte. Eine Woche später wird die Leiche des Vulkanologen
gefunden.
Etwa ein halbes Jahr später geht der bärbeißige Sicherheitsbeauftragte
des Weißen Hauses, Admiral Arnold Morgan nach Regierungswechsel
in Pension. Der demokratische Präsident McBride setzt auf friedvolle
Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern, und tauscht die komplette
Führungsspitze der USA gegen seine Leute aus. So nutzt Morgan
den Ruhestand, seine langjährige Sekretärin zu ehelichen
und die Flitterwochen auf den Kanaren zu verbringen. Auch das Gebiet
um den Cumbre Viejo wird besichtigt. Hier fallen dem Sicherheitsmann
sofort einige auffallend unauffällige Touristen offensichtlich
arabischer Herkunft auf. - Seit dem Anschlag auf das World Trade
Center vor acht Jahren macht ihn der Anblick dieser Kameltreiber,
wie er jedweden arabisch anmutenden Menschen zu nennen pflegt, äußerst
nervös. Er lässt die Männer unauffällig von einem
seiner Bodyguards fotografieren, und schickt sie einem Freund im
Pentagon, der herausfinden soll, wer diese Männer sind.
General Ravi Rashud ist in Korea unterwegs, um 500 Millionen Dollar
für ein Raketenarsenal auszugeben: 18 mit konventionellen, zwei
mit nuklearen Sprengköpfen, von denen jeder die Sprengkraft
von 200 Kilotonnen hat. Bestückt wird damit ein durch Atomkraft
angetriebenes U-Boot, das bislang auf den amerikanischen Radarschirmen
eher als Geisterschiff auftauchte. Bis jetzt konnte auch nicht herausgefunden
werden, wem dieses U-Boot gehört. Dafür können die
Identitäten der fotografierten Araber fest gestellt werden:
Einer der Männer ist Rashud, zwei weitere sind bekannte Vulkanologen.
Admiral Morgan hat es im Urin: Da ist was im Busch.
Dann bricht der St. Helens aus und hinterlässt einen Ort der
Verwüstung. Der Ausbruch erfolgte so plötzlich, dass keiner
der Freizeitsportler und Camper im näheren Umkreis des Vulkans
eine Chance hatte. Nur der Banker Tony Tilton, der vor etwa zehn
Jahren den Ausbruch des Montserrat vom Wasser aus beobachtet hatte,
war dem Inferno entkommen. Seine Schilderung des Ausbruchs bestätigt
Admiral Arnold Morgan seinen Verdacht, dass der HAMAS-Chef auf dem
Cumbre Viejo mehr im Schilde führt, als eine Sightseeing-Tour.
Nur leider will Präsident McBride davon so gar nichts wissen
und die Lage wird immer aussichtsloser ...
Soweit der Anfang dieses
Romans von Patrick Robinson, der sich über
einen Zeitraum von etwa einem Jahr abspielt. Stellenweise mit technischen
und politischen Details des Jahres 2009 gespickt und dadurch etwas
langatmig, lässt dieses Werk den geneigten Leser jedoch nur
schwer los. Geschickt verteilt der Autor die Sympathie: Auf der
einen Seite steht der "gute" Admiral Morgan in seiner
rauen, schroffen Art, auf der anderen der "böse" Ravi
Rashud, englische Erziehung und Ausbildung, beste Manieren und
in inniger Liebe seiner schönen Ehefrau Shakira, seinem Land,
seiner Sache und vor allem Allah zugetan. Als Leser fällt
es schwer zu entscheiden, wer denn am Ende als Sieger hervorgehen
sollte. Zumal der einzige eindeutige Antagonist auf der Seite der
Guten steht: der Präsident der Vereinigten Staaten höchstpersönlich!
Wie der raubeinige Admiral damit fertig wird, ist schon spannend,
weil er ja eigentlich im Ruhestand ist. Und permanent ist das Land
bedroht von einer tödlichen Flut, die den Leser spätestens
nach der Hälfte des Romans in ihren Handlungssog zieht. Dann
nämlich, wenn die mehr oder weniger trockenen Passagen über
Politik und Nukleartechnik mehr und mehr der fesselnden Action
weichen. Und hier kommt dem Leser das zu Beginn erworbene Wissen
um die Technik wieder zugute - was ich von den meines Erachtens
wirklich langatmigen Ausführungen über die Politik Koreas
nicht behaupten kann.
Wenn auch der Ausgang des Romans von vorn herein klar ist, bleibt
es bis zum Schluss spannend, wie denn die Katastrophe verhindert
wird (oder auch nicht?). Es könnte doch ganz anders kommen.
Aber reichen die restlichen Seiten noch aus?
Besonders gut haben mir die hier und da abgebildeten Karten gefallen,
rufen sie doch ins Gedächtnis, wo denn der St. Helens überhaupt
liegt und wie die Kanaren angeordnet sind. Sie helfen eindeutig
bei der Orientierung des Lesers auf der Fahrt der "Barracuda",
dem U-Boot der HAMAS und verdeutlichen die Zerstörung durch
den Ausbruch des Gages Mountain auf Montserrat. Die Glaubwürdigkeit
der ganzen Geschichte wird hierdurch noch einmal untermauert, sodass
es sehr schwer ist, zwischen Dichtung
und Wahrheit zu unterscheiden.
Jo-Achim Goike
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Umschlagtext
Leseprobe
Jo-Achim
Goike für Literaturkritiken.de, 30. September 2005
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