|
 
Sucht mein Angesicht
John Updike
Buch-Kritik
Hope
steht kurz vor ihrem 79. Geburtstag als sie Kathryn - allein deren
Name stört sie schon - ein Interview gibt. Natürlich geht
es dabei um Zack, Hopes ersten Ehemann, der als Maler nach langer
Zeit berühmt wurde. Immer wieder bemerkt Hope, dass Kathryn
eine ganz andere Vorstellung von der Zeit hat, in der Hopes Erinnerungen
spielen, als Hope, die diese Zeit miterlebt hat.
Damals war sie etwa
in Kathryns Alter. Immer wieder verliert sich Hope in ihren Erinnerungen
an ihre Kindheit. Wie kam sie zur Malerei?
Was faszinierte sie so an Farben?
1942, als sie ihr Zuhause verlässt, um die Kunstszene in
New York kennen zu lernen, lebt sie an der Seite des immer mehr
der Trunksucht verfallenden Ruk, der ihr in seinem gelben Lincoln
- weiß der Himmel, woher er das Benzin dafür bekommen
hat - die Stadt gezeigt hat. Die Avenues rauf und runter bis nach
Harlem. Und er brachte sie zu Hermann Hochmann, jenem Deutschen,
an dessen Schule es wahrhaft abging - auch wenn man es damals nicht
so ausgedrückt hat.
Hochmann lehrt Hope, dass die Leinwand
einem Notenblatt nicht unähnlich ist. So, wie zwei Noten,
die zusammenwirken, einen dritten Ton entstehen lassen, der spirituell,
nichtphysisch, surreal
sei, so herrscht zwischen den Pinselstrichen, richtig gesetzt,
Spannung. Hinzu komme die Farbe, die den Betrachter in Stimmungen
versetzt: heiter oder deprimiert, je nach dem.
Hope erzählt Kathryn ihr Leben, obwohl die junge Frau ihr
nicht sonderlich sympathisch ist in ihren schwarzen Kleidern, den
schwarzen Haaren und den unbequem wirkenden, schwarzen Schnürstiefeln
mit den modernen Absätzen: von hinten breit, von der Seite
schmal.
Kathryn lacht im falschen Moment. Sie prustet einfach los.
So heftig, dass sie Nasenschleim auf ihre Finger sprüht. Hope
müsste eigentlich verletzt sein, aber gerade diese Geste macht
Kathryn für sie menschlich. Rotz ist menschlich.
John Updikes
erste Liebe war die bildende Kunst, und so malt er in diesem Roman
das Bild eines ganzen Lebens. Mal schillernd bunt
und grell, mal gedeckt und pastell, manchmal in feinen Nuancen
von Grau, aber immer detailliert. So entsteht das Bild von Hope,
der Künstlerin und Hope, dem Menschen. Geschickt führt
Updike den Pinsel und lässt Vergangenheit und Gegenwart in
einem einzigen Absatz lebendig werden, so, wie Hope und Kathryn
lebendig sind - jede auf ihre eigene Weise.
Lediglich die Länge seiner Striche, sprich: seiner Sätze,
lassen den Leser beinahe die Übersicht verlieren und erschweren,
den Gedanken der Handelnden zu folgen. Trotzdem: Ein Roman, der
anregt, über die eigene Lebendigkeit nachzudenken.
Jo-Achim Goike
 Bestellen
Bestellen
bei "Amazon.de"
Lesen Sie auch
Umschlagtext
Leseprobe
Jo-Achim
Goike für Literaturkritiken.de, 10. April 2005 | |
|