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Schatten im Wasser
Stefanie Gercke

schatten im wasserBuch-Kritik
Ein Schmankerl für Bücherwürmer
 Pfeil Gleich zu Beginn des Buches geht es in die Vollen: Die Autorin beschreibt Johann Steinachs Schiffbruch spannend und aufregend, dass man einfach wissen muss, wie das Leben des seefahrenden Bajuwaren danach aussehen wird. Das jedoch erfährt der Leser erst viel später, denn die Heldin des Buches ist die Baronesse Catherine le Roux, achtzehn Jahre jung und natürlich bildhübsch aber burschikos, da unter Matrosen aufgewachsen. Sie verliert durch eine schwere Krankheit ihren Vater, einen Insektenforscher, mit dem sie gerade am Kongo weilt. Nur in Begleitung ihrer ständig nörgelnden und seekranken Cousine Wilma, die der Vater als Gouvernante für seine Tochter eingestellt hat, muss Catherine sich entscheiden: Entweder gibt sie ihr Geld für eine Schiffspassage zurück nach Deutschland aus, um bei ihrer verhassten Tante unterzukommen, oder sie heiratet und bleibt in Afrika. Der Idealfall, so denkt sie, wäre ein unabhängiges Leben allein in Afrika, allerdings weiß sie nicht, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten soll.
Vom Kongo kommt sie nach Kapstadt, wo sie eine Entscheidung treffen will. Hier wird sie auf einem Ball dem Grafen von Bernitt vorgestellt, einem Abenteurer von blendender Gestalt, und verliebt sich sofort in ihn. Leider muss er in dringenden Geschäften fort und die beiden verlieren sich aus den Augen. Sie lernt Johann Steinach kennen, der sich, nachdem er Schiffbruch erlitten hatte, eine Farm in Natal errichtet hat. Johann reist in Begleitung seines Zulu-Freundes Sicelo, der ihn gern mit einem oder mehreren Zulu-Mädchen verheiratet sehen möchte. Johann jedoch verliebt sich auf der Stelle in die, von Sicelo als viel zu dürr und schwächlich eingeschätzte, Catherine.
Der Briefkontakt zum Grafen von Bernitt verläuft sehr schleppend, Catherine sieht sich unter Druck gesetzt, als sie begreift, dass ihr Vater außer dem Bargeld und einigen geringen Ersparnissen nichts hinterlassen hat. So nimmt sie Johanns Antrag, zum Ärger von Cousine Wilma, an. Sie sieht sich im Geiste als Herrin von Inqada, der Farm Johanns, einem großen, weißen schlossähnlichen Gebäude mit separatem Kochhaus, in dem viele Bedienstete die Arbeit verrichten. Wilma prophezeit ihr eine bittere Enttäuschung.

Stefanie Gercke hat selbst in Afrika gelebt und weiß genau, wovon sie schreibt. Lustvoll und in opulenten Bildern und Vergleichen beschreibt sie das Land, dass auch jemand, der nicht so gut über Afrika Bescheid weiß, sich in die Landschaften und jeweiligen Stimmungen hineinträumen kann. Da glüht das Flussufer smaragdgrün und aus den düsteren Mangroven mit ihren Luftwurzeln, die jetzt bei Ebbe aus dem Schlick ragen, werden Damen, die ihre grünen Röcke geschürzt und ihre blassen Beine entblößt haben. Sie schwatzen im Morgenwind, tauschen Klatsch und Neuigkeiten aus und werden wieder zu Bäumen, wenn kleine Vögel auf den Zweigen wippen.
Die Charaktere sind scharf gezeichnet, allen voran die etwas ungestüme Catherine, die zwar einerseits ihre Träume verwirklicht sehen will, sich aber andererseits in völlig gegensätzliche Gegebenheiten einfügen muss, bis sie schließlich feststellt, dass sie ihr Glück bereits gefunden hat.

Ihre Cousine Wilma, eine Nebenfigur, die, obwohl meistens blass und seekrank, doch farbig genug ist, um sich dem Leser einzuprägen. Vielleicht ist die Ähnlichkeit mit Fräulein Rottenmeier aus dem Roman "Heidi" daran schuld? Der große, starke Johann, allseits beliebt, der seiner jungen Frau aber Wesentliches verschweigt und Graf von Bernitt, der äußerst sympathisch, gut aussehend und liebenswert eingeführt wird, später aber seine dunkle Seite mit einem Raubtierlächeln zeigt. Auch die Eingeborenen, meistens bis auf ein paar Kuhschwänze oder Perlenschnüre nackte Statisten, erwachen in diesem Buch wahrlich zu Leben und dem Leser wird schnell klar: Die Ureinwohner Afrikas werden nicht auf abergläubische Angsthasen reduziert, sondern als gleichwertige Menschen mit ihrer eigenen, über Jahrtausende gewachsenen Kultur, in der die weißen Siedler geduldet werden.
Dabei verliert sich Frau Gercke nicht in Beschreibungen, sondern präsentiert dem Leser kurze und knappe Schnappschüsse, die so treffend sind, dass das Gesamtbild sich von selbst im Kopf ergibt. Dadurch bleibt die Handlung unbeeinträchtigt und der Lesefluss wird zum mitreißenden Strom.

766 Seiten in knapp vierundzwanzig Stunden verschlungen. Wozu ins Kino gehen?
Jo-Achim Goike

 Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria
Wertung: 10 von 10

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 Copyright Jo-Achim Goike / Literaturkritiken.de, 28. Novemer 2004
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