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Nie mehr Sex - Leben ohne Liebe?
Renate Wichers

Nie mehr SexBuch-Kritik
 Pfeil Der Untertitel fragt: "Leben ohne Liebe?"
Mario D, 29, verheiratet mit einer Frau, die aus Krankheitsgründen nicht mit ihm schlafen kann, gibt dazu eine schöne Antwort: "Es muss nicht nur der Sex sein. Es würde mir sehr viel schlechter gehen, wenn ich das Kuscheln auch nicht hätte. Dadurch sehe ich ja, dass ich geliebt werde ... Der Sex ist eine körperliche Befriedigung, aber die seelische Befriedigung ist die Nähe. Und daran merke ich ja, dass sie mich liebt und dass sie mich nicht ablehnt. Das ist mir fast noch wichtiger."
Marios Frau ist sich der Situation bewusst und bemüht sich, ihrem Mann entgegen zu kommen. So weiß Mario es zu schätzen, wenn seine Frau sich stundenlang in die Küche stellt, um sein Lieblingsessen zu kochen, was er ebenso als Liebesbeweis wertet wie einen erotischen SMS-Chat mit ihr.
Grundsätzlich, so erklärte mir ein Psychotherapeut, definieren Männer die Liebe ihrer Frau über den Sex mit ihr. Ist er gut und findet häufig statt, liebt sie ihn. Und er liebt sie dafür. Frauen hingegen bemessen die Liebe ihres Partners an der Zuwendung, die er ihr schenkt. Hört er ihr zu und kuschelt mit ihr, ohne zum Geschlechtsakt zu drängen, dann liebt er sie. Und sie liebt ihn dafür. Dementsprechend scheint Marios Frau einen Glückstreffer gelandet zu haben und Mario hat sich der Situation gut angepasst, sucht sich andere Liebesbeweise, als die für den Durchschnittsmann üblichen.
Liebe ist also durchaus auch ohne Sexualität vorhanden.
Nun kommen in diesem Buch jedoch Männer und Frauen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, Berufen und Bildungsständen zu Wort, und genauso unterschiedlich sind die Lebenssituationen der Befragten.
Die 50-jährige Frau, die sich nicht in einen Opa verlieben kann und will - sie spricht von Männern, die etwa in ihrem Alter sind. Der reife, schwule Mann, der die Nase gestrichen von Analsex voll hat - eine anscheinend gern gewünschte Variante von allen Männern - weil er dabei außer Schmerz und Erniedrigung dabei nichts empfindet. Nicole findet, ein Mann passe nicht in ihre Wohnung - statt also Sex mit einem Mann zu haben "stopft sie ihre ganze Liebe, ihre ganzen Gefühle in ihre Tochter rein, die das natürlich weiß und entsprechend ätzend ist". Rolf ist impotent und in psychologischer Behandlung. Seine Frau steht auf den "ganz normalen" Sex, er hingegen träumt davon, passiv zu sein und gern auch geschlagen und erniedrigt zu werden.

Der Titel "Nie mehr Sex" klingt sehr gewichtig, wenn man Selbstbefriedigung, Cyber- und Telefonsex außer Acht lässt bzw. als Sex nur den Sex mit einem realen Partner bezeichnet. Äquivalent wird jedoch auch der Begriff "Sexualität" gebraucht, worunter ich eigentlich die gesamte Palette der Spielarten mit und ohne Partner verstehe. Dementsprechend halte ich es für etwas verwirrend, beide Begriffe gleich bedeutend zu verwenden.
Renate Wichers lässt insgesamt 22 Frauen und Männer zu Wort kommen, von der beruflich erfolgreichen Managerin bis zum resignierten Sozialhilfeempfänger. Leider sprechen alle dieselbe Sprache, verwenden das gleiche Vokabular und lassen - rein sprachlich - keine Unterschiede erkennen. Aber vielleicht ist das auch so gewollt, denn die Thematik macht diese Menschen irgendwie gleich. Allerdings könnte diese Gleichmachung es dem interessierten oder (gerade) dem selbst betroffenen Leser etwas erschweren, "sich selbst" wieder zu finden.
In diesem Buch sprechen primär Menschen, die zwar keinen Sex mit einem Partner haben können oder wollen, aber durchaus ihre Sexualität mehr oder weniger ausleben. Wer nun glaubt, in diesem Buch eine Hilfe zu finden, wie Mann oder Frau eine Lebensphase ohne Sex überstehen und auch positiv gestalten könnte, oder als Betroffener gar einen Austauschpartner zu finden, ist hier an der falschen Adresse. Dieses Buch verdeutlicht eigentlich nur, wie einsam die Menschen in dieser Situation sich fühlen und dass sie ganz auf sich allein gestellt sind. Allerdings könnte das Wissen um Mitmenschen, denen es ähnlich geht schon eine gewisse Hilfe sein. Trotzdem denke ich, der geneigte Leser sollte sich sein Geld für diese Lektüre, ebenso wie den Mut es zu kaufen, besser für den Besuch eines Therapeuten sparen. Der ist beim Auffinden von Alternativen und Lösungsmöglichkeiten wesentlich besser geeignet, als dieses Buch.
Jo-Achim Goike

 Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria
Wertung: 3 von 10

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 Copyright Jo-Achim Goike für Literaturkritiken.de, 12. November 2005
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