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Clare Allan: Poppy Shakespeare
Umschlagtext
Geistreich,
wild und lustig. Brutal lustig.
"Poppy Shakespeare" ist eigentlich ganz normal. Zumindest bis
zu jenem Tag, an dem sie sich auf eine neue Stelle bewirbt. Beim
Vorstellungsgespräch eröffnet man ihr, dass sie an einer
schweren Persönlichkeitsstörung leide; das habe der Eignungstest
ergeben. Und schon fährt der Krankenwagen vor - und bringt Poppy
in die Psychiatrie.
"Dieser Roman lässt dich laut auflachen, und dabei bricht dir
das Herz!" Vanity Fair
Herzlich willkommen in der
Dorothy Fish, einer psychiatrischen Tagesklinik im Norden Londons.
Poppy wird von N empfangen, einer
Patientin, die seit dreizehn Jahren hier lebt. Wie alle Bewohner
der Dorothy Fish setzt N alles daran, diese beste aller Welten
ja nicht verlassen zu müssen. Und ihre Erleichterung ist
groß, wenn bei der alljährlichen Routinekontrolle
festgestellt wird, dass sie noch immer verrückt genug ist.
Doch dann kommt "Poppy Shakespeare" in ihrem schicken
Kostümchen und den Stöckelschuhen aus Schlangenleder
in Ns leben gerauscht - und plötzlich ist alles anders.
Obwohl doch eigentlich ganz normal soll Poppy vier Wochen zur
Beobachtung bleiben. Aber diese Probezeit will sie auf keinen
Fall bestehen
und bittet N um Hilfe - und N weiß genau, was zu tun ist:
Poppy muss den Beweis erbringen, dass sie verrückt ist.
Was ist normal? Und was verrückt? Wer "Poppy Shakespeare" gelesen
hat, weiß darauf keine Antwort mehr. Ein fulminantes Debüt,
voller komisch-schräger Ereignisse und schmerzlicher Erfahrungen,
voller Lebensmut und Lebensfreude.
Clare Allan, in Newcastle
geboren, studierte Anglistik und kreatives Schreiben und lebt heute
als freie Autorin in London. Für
ihre Kurzgeschichten wurde sie mit dem Orange/Harpers & Queen
Short Story Prize ausgezeichnet. "Poppy Shakespeare",
ihr erster Roman, hat bei Erscheinen in Großbritannien
großes Aufsehen erregt und wurde für den Guardian
First Book Award nominiert.
Leseprobe
"Ich
schreibe doch da nicht hin, dass ich ins Bett scheiße",
sagte Poppy. "Tut mir leid, aber das kann ich nicht."
"Reg dich nicht künstlich auf", sagte ich. "Hör
zu", ich trank einen Schluck Bier. "Es kommt nicht darauf
an, was du willst. Was du willst, kommt hier gar nicht vor. Du musst
ihnen das geben, was sie wollen. Den Fehler machen viele."
"Aber warum wollen sie so nen Quatsch hören?" fragte Poppy. "Kann
man nicht auch ohne Inkontinenz des Darms psychisch krank sein?" Sie
grinste.
"Wenn du meinst. Schreib, was du willst."
"Entschuldige."
Ich nahm eine Handvoll Erdnüsse.
"Bitte, N. Erklär es mir."
Ich schüttelte den Kopf. "Du begreifst das Wichtigste nicht.
In diesem Formular geht es nicht um irgendeine psychische Erkrankung.
Hier geht es darum, dem Checker das zu geben, was er hören will.
Das ist wie ein Geschäft. Du sagst denen, was sie gerne hören
möchten, und dafür geben sie dir WAHN-Geld."
"Man kriegt nichts geschenkt im Leben, was?" sagte Poppy
"Ist egal, wie die Bekloppten in Wirklichkeit sind. Hier zählt
nur, wie sie uns haben wollen."
"Wie denn?" fragte Poppy. "Das begreife ich nicht. Warum
wollen sie, dass wir so sind, wie sie sich uns vorstellen? Ich meine,
dass wir ins Bett kacken und so." Ich sah sie an. "Im Ernst!",
sagte sie.
"Tja", sagte ich und überlegte einen Moment lang. "Dafür
sind wir eben da", sagte ich. "Damit sie sich als was Besseres
vorkommen, wenn wir uns vollsabbern und einscheißen. Sie können
auf uns herabgucken und sich sagen: Gott sei Dank bin ich nicht so!
Das ist eine Art Dienst an der Gemeinschaft. Man braucht seine Bekloppten,
sonst gäbe es keine Checker."
"Wofür sind die Checker überhaupt da?", fragte Poppy.
"Um uns die Sozialhilfe zu zahlen", sagte ich. "Und sie
wollen was für ihr Geld bekommen."
Poppy grinste. "Also kriegen sie, was ihnen zusteht", sagte
sie. "Du bist ganz schön gerissen!"
"Egal", sagte ich und kippte das restliche Bier runter.
Leseprobe:
Blessing
Kritik
Seit
dem grandiosen "Einer flog über das Kuckucksnest" weiß man,
dass in der Psychiatrie einiges im Argen liegt. Da gerät ein
völlig normaler aber etwas aufmüpfiger Mann in die Mühlen
der Psychiatrie und endet nach einer Zwangslobotomie als menschliches
Wrack. Eine schreckliche, Angst einflößende Geschichte,
die alles andere als komisch ist, auch wenn der Film - und das Buch
- viel Galgenhumor und auch boshaften Witz hat. Trotzdem bleibt einem
das Lachen immer öfter im Hals stecken. In "Clare Allans" Roman-Erstling "Poppy
Shakespeare" geht es um das gleiche Thema. Normale junge Frau
- mit kleinem Kind - gerät unschuldig in die Mühlen der
Psychiatrie, und kann angeblich nur daraus entkommen, wenn sie beweist,
dass sie bekloppt ist, wie das Clare Allan so nett zu bezeichnen
pflegt. Denn erst wenn sie bewiesen hat, dass sie bekloppt ist, kann
sie Antrag auf Normalität und Entlassung stellen. Kapiert?
Eine
Situation, die einem eine Gänsehaut über den Rücken
jagt, der Inbegriff der Hilflosigkeit, der Entmündigung und
der Bevormundung. Ich kann daran nichts Lustiges finden, und ich
kann auch an dem ganzen Roman "Poppy Shakespeare" von "Clare
Allan" nichts Lustiges finden. Was ich gelesen habe, sind 345
Seiten einer äußerst deprimierenden Geschichte. Dass sich
die Bekloppten, die teilweise gar nicht so bekloppt sind, an das
Leben in dieser Klinik klammern, und sich allerlei Haarsträubendes
einfallen lassen, bloß um weiterhin als bekloppt zu gelten,
ist tragisch. Lebensmut kann ich darin nicht erkennen. Und wenn Dawn
ständig einen Tisch nach dem anderen baut, eine andere nur in
der Toilette lebt, und ein Dritter nur weiterleben kann, wenn er
sich ständig die Hände wäscht, kann ich darin auch
keine Lebensfreude erkennen.
Die schmerzlichen Erfahrungen lasse ich gelten, denn was Poppy hier
angetan wird, ist einfach grauenvoll. Und die angeblich so komisch-schrägen
Ereignisse sind alle voller tiefschwarzer Bitterkeit. Für N,
die Ich-Erzählerin, hat sich "Clare Allan" eine spezielle
Sprache einfallen lassen, die aber ganz merkwürdig zwischen
durchaus eloquent und völlig bescheuert schwankt. So stellt
sich Miss Allan also die "Bekloppten-Sprache" vor. Aber
vielleicht liegt es auch an der Übersetzung, dass das Ganze
so unstet rüberkommt. Dazu passt, dass alle Insassen - außer
den ständig unter Drogen stehenden "Hängern" -
und manche der Betreuer putzige Spitznamen haben: MittelklasseMichael,
ZweiterStockPaolo, KantinenCarol, CurryBob, FünfterStockFran,
Brian der Schlächter, Manic Pollyanna, WeißWesley, KrückenSue,
FettFlorence, Tony Hasskappe, und so weiter und so fort.
Und so erzählt N in epischer Breite und mit vielen unwichtigen
Abschweifungen die Geschichte. Ihre eigene betrübliche Geschichte
und die noch viel betrüblichere Geschichte von "Poppy Shakespeare",
die so lange getriezt wird, bis sie wirklich überschnappt. Eine
erschütternde Geschichte, über die ich nicht lachen kann.
Eine Geschichte, die zwar in dieser speziellen und maßlos übertriebenen
Form sicherlich nicht passieren wird, aber in abgewandelter Form
durchaus denkbar ist. Und das ist das Schreckliche daran. "Clare
Allan" ist eine durchaus fantasiebegabte Autorin, aber diesen
Roman als witzig oder satirisch oder lustig zu bezeichnen, halte
ich für schlichtweg daneben. Ich kann über Behinderte und
ihre Behinderungen nicht lachen, und ich kann auch über "Bekloppte" und
ihre geistigen Störungen nicht lachen. Und wenn eine normale,
lebenslustige junge Frau mit derartiger Akribie geistig zerrüttet
wird, bis man ihr das Kind wegnimmt und sie tatsächlich ein
stationärer Fall wird, halte ich das für keine lustige,
komische oder gar lebensbejahende Geschichte. Als Tragödie,
als Drama, oder auch als Warnung, ist "Poppy Shakespeare" ergreifend,
tief erschütternd und ganz schrecklich traurig. Und dann bekommt "Clare
Allans" merkwürdige Erzählweise auch einen Sinn und
passt zur wortreichen Schilderung der vorsätzlichen Zerstörung
eines Lebens. Julia Edenhofer
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Edenhofer für Literaturkritiken.de, 01.07.07
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