Hörbuch  Einschätzung

Plattform
Michel Houellebecq

 Cover Hörbuch-Kritik
 Pfeil Er polarisiert. Er provoziert. Er scheint es darauf anzulegen, möglichst vielen Leuten vor den Karren zu fahren. Und gerade deswegen ist er einer der meistgelesenen europäischen Autoren der heutigen Zeit. Michel Houellebecq versteht die Regeln des Marketings wie kaum ein Zweiter. Und so unbeteiligt er bei seinen öffentlichen Auftritten tut, so faustdick hat er es hinter den Ohren.

Houellebecq ist ein Glücksfall für die Literatur. Weil man nicht an ihm vorbeikann. Weil er die Themen aufgreift, die förmlich unter den Nägeln brennen. Mag sein, dass er das sexbesessene, misogyne und rassistische Arschloch ist, das viele in ihm sehen wollen. Für die anderen, die nicht dem pawlowschen Reflex der Vorverurteilung erliegen, ist er der Verfechter einer autonomen Sexualität, befreit von den Fesseln einer Moral, die nicht mehr passt.
Er ist genau der Autor, den diese Zeit verdient hat. Die Theorien, die Houellebecq innerhalb seines literarischen Schaffens entwickelt und die er seinen Protagonisten in den Mund legt (die meist Michel heißen, wie er), sind jedenfalls unbedingt ernst zu nehmen, anders als das sexuelle Geplänkel und die kleinen Provokationen zwischendurch. Seine Theorien haben Hand und Fuß. In ihrer Banalität steckt mehr als ein Körnchen der Wahrheit.

Michel aus "Plattform" ist ein Beamter in den Vierzigern, sexuell frustriert und vereinsamt. Seine Theorien beinhalten auch diese: Frauen passen sich in ihrem Verhalten eher den Männern an als umgekehrt. Will heißen: Wo jetzt die Frauen noch auf einem Vorspiel bestehen, das den Männern schon immer als Zeitverschwendung galt, werden in Zukunft auch die Frauen auf den Trichter der schnellen Befriedigung kommen. Daher ist die Idee, Sexcluburlaubsdomizile in Thailand aufzuziehen, eine gewinnträchtige, da laut Michel auch Frauen von diesem Angebot Gebrauch machen werden.
Zusammen mit seiner Freundin Valerie, die er beim Sexurlaub auf Thailand kennen- und lieben gelernt hat, und deren Chef gründet er eine "Plattform" für Sexclubs des Namens "Aphrodite" in Thailand. Tatsächlich haben die drei einen Riesenerfolg damit. Doch die laut Houellebecq "bescheuertste Religion der Welt", der Islam und seine fundamentalistischen Anhänger, machen ihren Träumen von einem Leben im Paradies ein Ende.

Die Bearbeitung des Romans als Hörspiel ist hervorragend. Die Sprecher, allen voran Jürgen Tarrach als Michel, geben den Figuren eine starke Plastizität. Die musikalische Bearbeitung durch Bertrand Burgalat, der u. a. "Air" produziert hat, kommt dem Sujet mit ihrer Easy-Listening-Atmosphäre und reizvoll eingesetzten Special-Effects sehr zugute. Wahrscheinlich lohnen sich diese zwei CDs in der Tat mehr als das Buch selbst, denn hier bekommt man die entschlackte Version - alle eher eskapistischen Abschweifungen wurden verworfen. "Man wird mich schnell vergessen" sagt Michel am Ende. Dieses Hörspiel allerdings vergisst man nicht so schnell.
Tina Manske

Tinas Wertung: 11 von 12
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