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Adrian Naef
Nachtgängers Logik
Journal einer Odyssee
Buch-Kritik
Adrian
Naef trifft es aus heiterem Himmel: Mit dem Auto unterwegs, angehalten an
einer Tankstelle, sieht er sich plötzlich von außen Dinge tun, die er nicht
mehr versteht, die für ihn keinen Sinn mehr ergeben. Er setzt sich zurück
in seinen Wagen, aber er weiß nicht mehr wo er hinfahren soll und wozu.
Plötzlich ist alles sinnlos geworden.
Der heitere Himmel trifft ausgerechnet den Tausendsassa, dem niemand eine
Depression zugetraut hätte, den Liebling der Frauen und wie es schien auch
des Schicksals, denn was er bisher anpackte, gelang, ob das nun sein Gedichtband
war, der 1975 bei Suhrkamp verlegt wurde (dessen Erfolg ihn aber keineswegs
dazu veranlasste, die Schriftstellerlaufbahn einzuschlagen, dazu lockten
zu viele Gebiete, die es noch zu erobern galt), seine Rolle als Studentenführer
der 68er in der Schweiz, seine Karriere als Therapeut (dessen Berufskollegen
in diesem Buch auch auf den Boden geholt werden) oder als Religionslehrer:
Immer war er obenauf, immer vorne mit dabei. Da allerdings liegt wohl der
Hund begraben: Naef gönnte sich kein Innehalten. Ja nicht still stehen und
sich selbst ansehen. Nun, das Leben hat fürwahr seine untrüglichen Methoden,
auf solche Versäumnisse hinzuweisen. Plötzlich kommt die unerwartete Einmischung:
Jetzt ist Schluss, jetzt wird Pause gemacht.
Drei Jahre dauerte diese Pause, drei Jahre, die Naef in der Hölle seiner
eigenen Seele verbrachte. Gelebt hat er in diesen drei Jahren nicht, eher
vegetiert. Das macht sein Erlebnisbericht "Nachtgängers Logik" eindrucksvoll
klar. Wozu aufstehen und sich waschen, wenn eh nur die Hölle dräut? Wozu
die Wohnungstür schließen, wenn die abscheulichsten Gestalten sowieso schon
auf der Brust hocken? "Wen könnte ein Mörder noch umbringen?" Mit einem
Mal ist die Welt bevölkert von Teufeln und Dämonen, und dass die anderen
die nicht auch sehen, bezeugt für den Nachtgänger nur deren Hinterhältigkeit.
Aber Naef hat gelernt, die Depression nicht als Krankheit, sondern, so blöd
und abgeschmackt das klingt, als Chance zu begreifen. Selbstbescheidung
ist das Stichwort - sich selbst nicht mehr so wichtig nehmen, wie das vor
allem Intellektuelle gerne tun. Naef kann jetzt, wenn schon nicht ein anderer,
so doch anders sein. "Kein Erwachsener kann zum Opfer werden, wenn er das
Spiel nicht auch mitspielt. Das Opfer war zumindest auch am Tatort." Und
er konnte dieses Buch schreiben. Jemand, der im Dunklen sitzt, kann das
nicht. Der könnte auch nicht verstehen, was in diesem Buch steht, es würde
nicht zu ihm dringen. Deswegen macht Naef auch mehr als einmal darauf aufmerksam,
dass es sich hier nicht um Lebenshilfe handelt. "Sollte ich wieder abtauchen,
wird mir sowieso nichts nützen, was ich hier schreibe." Allenfalls kann
"Nachtgängers Logik" den Angehörigen eines Depressiven aufzeigen, was alles
NICHT zu dem Depressiven vordringt, was sie sich alles sparen können im
Umgang mit dem "Verrückten".
Dass die Depression kein Spaß ist, zeigen die Zahlen. Es macht wenig Sinn
zu sagen: Siehst du, man kann eine Depression ja überstehen - DU hast sie
überstanden. "Die Sieger schreiben die Geschichte, nicht die Toten." Jeder
zweite Depressive versucht sich umzubringen, jeder fünfte tut es. Man kann
es auch NICHT schaffen. Das hindert Naef aber nicht daran, diesem Nachtgang
humorvolle Töne abzugewinnen. Und dass er immer noch bei Suhrkamp verlegt
wird, hat auch seine guten Gründe, denn er kann schreiben, und wie.
Nicht umsonst weist schon der Untertitel auf einen prominenten Nachtgänger
und Ver(w)irrten - Odysseus, der listige Held. Wie er konnte auch Naef nach
Jahren des Herumirrens seine eigene Heimat wieder neu beziehen: seine Seelenlandschaft
gehört bis auf weiteres wieder ihm. Aber es kann heilsam sein, wenn man
nicht vergisst, wie nah man in jeder Sekunde am Abgrund steht. Daraus entsteht
dann eine neue Lebensqualität.
Tina Manske
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Verlegt bei
Suhrkamp
Literaturkritiken.de, September 2003
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