Einschätzung

Monochrom

 monochrom  Pfeil Die "Gebenedeite unter den Illustrierten" verschreibt sich der selektiven Rezeptionsforschung.

Anfangs war es nur ein Fanzine, das mit den Jahren immer dicker wurde, wie wir alle - so die Künstlergruppe Monochrom über ihr gleichnamiges Werk. Monochrom nennt sich selbst einen "Verein zur Förderung der selektiven Rezeptionsforschung im Sinne futurologischer Belange". Das erklärt einiges: Ins Heft kommt, was den Redakteuren grade so passt, dann wird aber auf Teufel komm raus rumrezipiert und geforscht. Eine Inhaltsangabe ist leider unmöglich zu erstellen: Es gibt nichts, was man nicht findet in diesem wahnsinnigen und hochintelligenten Kompendium der Alltäglichkeiten und Absurditäten: die Zusammenhänge zwischen Jimi Hendrix und der virtuellen Realität; ein Manuskript, unverlangt und zugesandt; Physik und Größe in biologischen Systemen, etc. Man wird es der Rezensentin denn auch nachsehen, dass sie nicht einen Bruchteil der über 400 Seiten bereits ausführlich lesen konnte - allein das flüchtige Durchblättern dauert Stunden, gibt aber bereits einen sehr guten Eindruck davon, wie wild entschlossen hier Sinn mit blankem Unsinn erzeugt wird. So finden sich auf etlichen Seiten Rezensionen zu allen möglichen Erscheinungen des alltäglichen Lebens wie z. B. Uhrzeiten, Börsencrashs und Schrödingers Katze, denn: "Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich verändert. Es kommt aber darauf an, sie zu rezensieren."

Was ist Monochrom? Die Webseite gibt eine schematische Darstellung. Darauf findet sich links die Handlung, rechts die Parole und dazwischen in lockerer Anordnung und mit der für Diagramme üblichen Anzahl von Pfeilen versehen, die Begriffe Wort, Bild, sozialer Äther und Landschaft (Gegend). Wer das "verstehen" will, ist selbst schuld. Für die, die's noch nicht gemerkt haben: Monochrom ist Kunst. Wer die fast vergriffenen alten Ausgaben kaufen möchte, ist, wenn man die Angaben auf der Internet-Seite ernst nehmen darf, leicht mit 500 Euro dabei. Aber: "Wir sind keine Sekte, wir sind eine Bewegung. Und der Dow Jones ist das Wichtigste von der Welt."

Monochrom hat keinen vorhersehbaren VÖ-Rhythmus: "Monochrom erscheint plötzlich: gebenedeit unter den Illustrierten" heißt es dazu im Internet. Gerade ist die Ausgabe #15-23 erschienen. Weitere Projekte behandeln zum Beispiel "die schönsten Vertipper einer angenommenen deutschen Sprach- und Wertegemeinschaft" (Auszug: "grauenzeitschrift / penisonsvorsorge / schalgobers / uruslua") oder die Archivierung von öffentlichen Sprachfetzen.

Die Zeitschrift im Telefonbuchformat (Gewicht: 1,3 Kilo!) gibt es direkt unter monochrom.at käuflich zu erwerben, und wer sein Leben schöner machen will, sollte das möglichst schnell tun. Sagen wir es mit Bruno Steiger, der seinem neuesten Buch die Widmung "für die, die es geben muss" voranstellt: Es musste so was wie Monochrom geben, und hier ist es. Und es heißt auch noch Monochrom!
Tina Manske

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Wertung: Tipp!

 Copyright Literaturkritiken.de, 29. April 2004
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