Das Buch  Leseprobe  Einschätzung

Mono
Jörg Matheis

 Mono Buch-Kritik
 Pfeil Der Glan ist ein Fluss im Nordpfälzer Bergland, in der Nahe-Region. Er schlängelt sich durch ländliches Gebiet, Naherholungsräume, durch Postkartenidyllen mit Schaf und Kuh. Und doch, oder gerade deswegen, muss da etwas sein in dieser Landschaft, das die heile Welt aufbricht. Die Figuren in Jörg Matheis' erstem Erzählband "Mono" kennen jedenfalls alle eine Sehnsucht und wissen doch nicht, wonach. Als Motto hat Matheis ihnen ein Zitat von Antonio Lobo Antunes vorangestellt: "Also: es sieht ganz einfach aus, / aber es wird immer schwieriger, / ehrlich, wenn ich könnte, / würde ich sofort gehen".

Alle wollen sie irgendwohin, weg vom dem Ort, an dem sie sich aufhalten, vom Land in die Stadt oder umgekehrt, endlich in die Welt hinaus nach Berlin oder von dort zurück nach Mühlbach, aber das eigentliche Problem ist, dass sie nicht wirklich wissen, wo sie hingehören.
Die Figuren stehen häufig an der Grenze zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. So der Soldat in der Erzählung "Am roten Fluss", der sich im Balkan um einen traumatisierten Jungen zu kümmern versucht, aber am Ende sein Scheitern eingestehen muss. Das Opfer seines eigenen Todes, das er bringt, ist jedoch in Wahrheit keines, weil er es sich schon sehnlich herbeiwünscht.
In "Umschlag der Witterung" sieht sich Randolph von seinem "anarchistischen Arm" (in der Medizin auch "alien hand syndrome" genannt) angegriffen, der vor Jahren auch seine damalige Freundin tötete - behauptet Randolph. Seitdem bändigt er den "bösen Arm" mit einem an den Körper geschnallten Gürtel. Doch irgendwann muss er kapitulieren. Zuletzt lässt er sich vom Ex-Junkie Falk fesseln und knebeln und mit einem Messer direkt neben seiner Hand in einem Zimmer zurücklassen - Ausgang ungewiss.

Matheis ist ein sehr begabter Beobachter. Nichts entgeht ihm, weder das Aufblähen des Hosenbeins durch den auffrischenden Wind noch die Konsistenz und der Geruch von frisch getrocknetem Blut. "Mono" ist eine Sammlung von Erzählungen, die vor allem Stimmung beschreiben. Matheis nimmt sich sehr viel Zeit, um genau zu verorten, wie jemand aussah, als er etwas sagte, und wie die Wolken sich formierten, als er es tat. Die Ereignisse überschlagen sich hier nicht: Alles ist schon passiert oder wird noch passieren. Der Augenblick wird zu einer einzigen Stimmungslage, die die erzählten Geschichten ebenso in sich trägt wie die nicht erzählten. Immer wieder gelingen Matheis beeindruckende Bilder; ein Gesicht, das "ganz spitz" wird, wenn die dazugehörige Person an die Rivalin denkt, das kann man sich bildlich vorstellen, ebenso wie den Regen, der sich durchs Scheinwerferlicht "fädelt".

Als stiller Beobachter fließt der Glan durch alle diese Geschichten. Gerade er, der schon in der nächsten Sekunde nicht mehr derselbe sein wird, bildet die Konstante für die Figuren Matheis', die ansonsten keine Konstante finden in ihrem Leben, denen das Fließende verloren gegangen ist über die Zeit. "Das hier ist das schönste Land, das es gibt", sagt Melchior in der Titelgeschichte. Wenigstens er weiß, dass die Wiesen hinter dem Horizont nicht grüner sind. Der Fluss allerdings schweigt und lässt alle Zweifel hinter sich.
Tina Manske

Tinas Wertung: 9 von 12
 Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria

 Mono  Button Bestellen
Bestellen bei "Amazon.de"

Lesen Sie auch
Umschlagtext
Leseprobe

 Button Links
Verlegt bei C.H. Beck
 Copyright Literaturkritiken.de, Juli 2003
Werbung
 Einkaufen bei: Amazon.de
 
 
 
Werbung
Copyright Texte und Bilder 2001 - 2007 Literaturkritiken.de oder Lizenzgeber, falls angegeben.
Lesen Sie auch:
FilmHai.de: Film, DVD, Kinostarts und Filmstarts