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Middlesex
Jeffrey Eugenides

 Cover Buch-Kritik
 Pfeil Middlesex, das ist zuallererst einmal eine Straße in Detroit. Das Haus, in dem die halbwüchsige Calliope, genannt Cal, mit ihrem Bruder und ihren Eltern lebt, nennt sie auch so: die Middlesex. Aber natürlich ist "Middlesex" auch eine Metapher dessen, was Cal eigentlich ist: ein Hermaphrodit, ein Zwitter. Und so beginnt dieses Buch, das die Geschichte einer Familie und eines mutierten Gens über drei Generationen verfolgen wird, mit den Worten: "Ich wurde zwei Mal geboren: zuerst, als kleines Mädchen, an einem bemerkenswert smogfreien Januartag 1960 in Detroit und dann, als halbwüchsiger Junge, in einer Notfallambulanz in der Nähe von Petoskey, Michigan, im August 1974." Und schon zu Beginn werden die literarischen Wurzeln klar benannt: Homer und seine Odyssee. Die Reise eines Gens durch die Jahrhunderte beginnt.

"Middlesex", der jüngste Roman des gefeierten Autors der "Virgin Suicides", für den er den Booker-Preis erhielt, ist eine klassische Familiensaga. Über 600 Seiten lang lebt der Leser in der Welt der Einwandererfamilie Stephanides, und Eugenides schafft es, wie man es bei einer richtigen Saga erwartet, die Geschichte der USA gleich mitzuerzählen. Es ist eine Geschichte des mühsamen Aufrappelns, des Scheiterns und des permanenten Wiederbeginns, wie es so viele der Einwanderer erlebten. Viele Figuren der Zeitgeschichte tauchen auf: Desdemona wird dem Führer der "Black Panther" Bewegung begegnen (den Vorgänger von Malcolm X), und verwundert feststellen, dass sie ihn bereits kennt, der Watergate-Skandal hält über das Fernsehen Einzug in die Familie, und der Krieg in Vietnam führt zur Frage über den Patriotismus von Einwanderern.

Die Geschichte der Familie Stepahnides, die Cal, als androgyner Herr in Kulturkreisen im Berlin des angehenden 21. Jahrhunderts unterwegs, erzählt, beginnt in Griechenland, von wo aus die Großeltern Lefty und Desdemona in den 20er-Jahren vor den Türken flüchten müssen. Wie so viele andere haben auch sie nur ein Ziel: das gelobte Amerika. Lefty und Desdemona sind Liebende, aber sie sind auch Geschwister. Desdemona fühlt sich auf Grund dieses Inzests schuldig und erwartet, gläubig wie sie ist, eine Bestrafung einer höheren Macht. Die sexuelle Uneindeutigkeit ihrer Enkelin Cal, die am Ende ein Enkel ist, wird für sie diese Strafe Gottes sein.
Lefty und Desdemona landen in Detroit - natürlich, welche Stadt sonst könnte so schön das aufstrebende Amerika des beginnenden 20. Jahrhunderts verkörpern? -, wo Lefty bei den Ford Werken am Fließband sein hartes Brot verdient. Doch schon bald verliert er diesen Job und muss sich etwas anderes überlegen. Er eröffnet ein Restaurant, und dies wird die lange Tradition der Familie im Gastronomiesektor begründen. Doch auch Schmuggel und dunkle Geschäfte während des Kriegs gehören ins Repertoire.

"Middlesex" überzeugt nicht uneingeschränkt: Die ersten zwei Drittel ziehen sich zäh; man kämpft sich durch recht anspruchslose Passagen, das Frauenbild, das Eugenides übermittelt, ist hier mehr als fragwürdig, da immer mitten in das bittere Klischee hinein: weibliche Intuition versus männliche Dickköpfigkeit, die Frau als das "natürliche" Wesen etc., mithin Dinge, die man so nicht mehr lesen will, weil sie Magenschmerzen bereiten. Doch Eugenides hat den richtigen Kunstgriff gewählt, dieser eigentlich grundbiederen Konstellation etwas entgegenzustellen, das das ganz Andere formuliert: die Protagonistin Calliope. Eugenides arbeitet mit einer genauen Analogie, einer inneren Gegenläufigkeit: Wo beim Rest der Familie sich Frauen und Männer immer weiter voneinander entfernen, vereint Cal beide Geschlechter in sich.
Richtig fesselnd ist im Grunde erst diese Lebensgeschichte Cals selbst: wie sie sich in ihre Mitschülerin verliebt, wie sie entdeckt, dass sie an einer wichtigen Stelle des Körpers anders zu sein scheint als alle anderen, wie sie als Phänomen in die Medizingeschichte eingeht, wie sie einer geplanten Operation, die möglicherweise den Verlust ihrer sexuellen Empfindensfähigkeit zerstören würde, nur durch die Flucht ans andere Ende der USA entgeht, wie sie zur Attraktion einer etwas anderen Peepshow wird. Und wie sie endlich für sich entscheiden kann, dass sie eigentlich ein Junge ist - lediglich mit einem körperlichen Makel.

Am Ende ist man also, trotz aller Längen, die "Middlesex" zwischendurch aufweist, mit dem Buch versöhnt. Nebenher liefert der Autor seinen eigenen Beitrag zur laufenden Debatte "Gene oder Umwelt?" Eugenides schlägt sich letztendlich auf die Seite des Gens und ist damit in diesen Zeiten mehrheitsfähig. "Middlesex" ist Unterhaltung mit Gender- und Genderdebatteneinschlag, gerade so viel, dass das von backsteindicken Romanen gebeutelte Publikum nicht verschreckt wird.
So zu schreiben ist schon eines Pulitzer-Preises würdig. Nicht zu vergessen der ganz unschätzbare Vorteil, dass das Buch streckenweise bereits in Drehbuch-Manier geschrieben ist - "Middlesex" wird also bestimmt auch sehr bald im Kino zu sehen sein.
Tina Manske

Tinas Wertung: 8 von 12
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