|
 
Lude! Ein Rotlicht-Leben
Marcel Feige
Buch-Kritik
Vor
gut zehn Jahren wanderte Domenica von Fernsehshow zu Fernsehshow
und stellte ihre Biografie vor: Körper mit Seele. Mein Leben.
Damals war es sehr aufsehen erregend, dass eine Hure ihre Erlebnisse
für
aufschreibenswert erachtet und damit auch noch an die Öffentlichkeit
geht. Zumal sie damals das sechzigste Lebensjahr schon überschritten
hatte. Viele folgten ihr.
Nun hat auch endlich einer dieser geheimnisvollen Hintermänner
des Hurentums das Wort ergriffen. "Lude!" ist zwar keine
Autobiografie, erzählt uns aber die Geschichte eines Bergarbeitersohnes
aus dem Ruhrpott, der auszog, einer der erfolgreichsten Zuhälter
der Region zu werden - obwohl seine Pläne ursprünglich
ganz anders aussahen. Zusammen mit seiner Freundin wollte er eine
eigene Kneipe eröffnen, doch beiden fehlt das Geld dazu. So
kommt eben alles ganz anders ...
Als jugendlicher Kampfsportler trainiert
er auf den deutschen Meistertitel. Sein Ziel: Ein anderes Leben führen
als seine Eltern, raus aus dem Bergarbeitermief. Er will Fitnesstrainer
werden.
Doch seine Eltern drohen, ihm einen Strich durch seine Pläne
zu ziehen. Sie können ihn ja schließlich nicht ewig
unterstützen und fordern, dass er einen "anständigen" Beruf
erlernt. - Doch Siggi setzt sich durch, wird deutscher Meister
und steht über Nacht im Rampenlicht der Region. Daran haben
schließlich auch seine Eltern ihren Anteil.
Er macht erste Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht und findet
Geschmack daran. Es bleibt jedoch bei ein paar Begegnungen mit
Birgit, denn außer Sex verbindet die beiden nichts. Siggi
will ein eigenes Sportstudio haben. Um das zu finanzieren, nimmt
er einen Job bei Spiegel-Peter, einem Innenausstatter, an.
Der zwielichtig anmutende Name kommt nicht von ungefähr: Spiegel-Peter
richtet in erster Linie Bordelle ein und wird einmal von sich sagen
können, dass er nahezu jeden Puff der Region ausgestattet
hat. Schwerpunktmäßig mit Spiegeln.
Zusätzlich verdient sich Siggi Geld in einer Edel-Disco als
Türsteher dazu. Hier verkehrt das Milieu, und als Siggi ausgerechnet
Karnowski, einen gefürchteten, rauflustigen Luden, mit einem
Schlag K.O. gehen lässt, ist er bei den Luden von Hamburg
bis München in aller Munde. Siggi lernt Monika kennen, die
sich ihr Studium als Hure finanziert. Und Siggi lernt Wendy kennen,
die genauso neugierig ist, wie er selbst. Beide harmonieren im
Bett wie im Leben miteinander und
probieren auch alles gemeinsam aus. Sie wollen ein gemeinsames
Lokal eröffnen. Um an Geld zu kommen, sieht Siggi nur einen
Weg, und Wendy freut sich, diese Möglichkeit zu testen. Mit
viel Erfolg ...
Mit einfachen Worten, geschliffen, aber nicht verschnörkelt,
direkt aber nicht obszön, beschreibt Marcel Feige in seinem
dritten Milieu-Buch das Leben von Siegfried Lehnhoff, einem Mann,
dem das Ludentum zugeflogen ist. Glitzer, Glanz und schöner
Schein, und vor allem die schön
zahlreichen Scheine in der Tasche, ziehen Siggi an wie das Licht
die Motten. Nachdem Wendy sich zu einer erfolgreichen Hure gemausert
hat, schwelgt auch Siggi im Reichtum. Doch das Glück währt
nicht lange, denn der Überfluss wird bald zur Gewohnheit und
damit kommt der Überdruss. Siggi muss lernen, dass Freundschaften
nicht viel gelten und Liebe nur ein Wort zu sein scheint.
Zuhälterei war gesetzeswidrig; erst 2002 trat das "Gesetz
zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostitution" in
Kraft. Seither ist die Förderung der Prostitution ein reguläres
Rechtsgeschäft, in dem die Prostituierte und der Zuhälter
ein arbeitnehmer-arbeitgeber-ähnliches Verhältnis eingehen.
Die Zwangsprostitution gilt jedoch weiterhin als Verbrechen, und
wird mit Menschenhandel gleich gesetzt. Siegfried L. ist der erste
Lude, der von diesem neuen Gesetz profitieren konnte. Er wurde 1999
verhaftet aber schließlich von allen
Anschuldigungspunkten frei gesprochen.
Unterhaltsam lässt Marcel Feige den Luden Siggi aus seinem
Leben plaudern. Lässt ihn seine Wünsche, Sehnsüchte,
Hoffnungen und Freuden, aber auch seine Erkenntnisse, Enttäuschungen
und Ängste schildern. Nicht, dass diese Lektüre in irgendeiner
Weise notwendig wäre;
sie befriedigt nicht einmal voyeuristische Gemüter; nach den
erwähnten Huren-Biografien ist es jedoch einmal erfrischend,
das Milieu aus der Sicht eines Luden kennen zu lernen.
Jo-Achim Goike
 Bestellen
Bestellen
bei "Amazon.de"
Lesen Sie auch
Umschlagtext
Leseprobe
Jo-Achim
Goike für Literaturkritiken.de, 29.03.06
| |
|