Das Buch  Leseprobe  Einschätzung

Liebeserklärung
Michael Lentz

 Umschlag Buch-Kritik
 Pfeil Hat denn tatsächlich noch niemand geklagt gegen dieses Buch? Kaum zu glauben. Denkt man an die neue Sitte, Bücher auf Grund von Persönlichkeitsverletzungen zu verbieten (wie es zuletzt dem Roman "Esra" von Maxim Biller geschah), müsste man davon ausgehen, dass auch "Liebeserklärung" von Michael Lentz demnächst auf dem Index landet. Es mangelt dem Text nämlich nicht an Deutlichkeit, besonders die ersten Seiten sind quasi pornografisch. Und man fragt sich schon das ein oder andere Mal: Das ist doch autobiografisch, oder? Und wer ist diese Frau?
Es ist offensichtlich eine gute Zeit für die liebenden Männer in der Literatur. Biller, Lentz, Toussaint. Männer, die nach etwas suchen, dass sie verloren haben. Die Liebeskummer haben und das in ihren Büchern verarbeiten wollen. Haben die Frauen schon bemerkt, dass der "neue Mann", den sie so lange herbeigesehnt haben, gerade die Buchläden entert?

"Liebeserklärung" handelt vor allem davon, wie der männliche Icherzähler im Herbst 2002 mit der Deutschen Bahn durch das vernebelte Land fährt und sich seiner Gefühle klar zu werden versucht. Gerade hat er eine Scheidung hinter sich, und die andere ist der Grund dafür. Sie ist die neue, deretwegen er die alte verlassen hat. "Das ist unsere Geschichte. So weit. Da bist du, und da bin ich. Und wir sind beide noch da." So beginnt diese Geschichte eines Abschieds, und so endet sie auch. Zum Schluss werden sie sich verloren haben. Dazwischen liegt ein manischer Monolog des lyrischen Ichs, explizite Beschreibungen sexueller Techniken und die Auseinandersetzung des Erzählers mit Deutschland.

Es sind mit die stärksten Passagen in Lentz' Buch, wenn er das Deutschland des Jahres 2002 ausgerechnet in der Deutschen Bahn personifiziert sieht. "Deutschland ist eine Betriebsstörung. Ein Bröckelzustand. Eine Pleite. Es ist kein Fortkommen aus Deutschland, weil jede Teilstrecke dein Leben verkürzt, jeder Aufenthalt bedeutet Verspätung, wo der Zug auch immer hält, bleibt er liegen, du sitzt in einem Zug der so genannten Deutschen Bahn, diesem Sinnbild deutscher Betriebsstörung". Das Buch enthält eine Menge solcher DB-Beschimpfungen, die schon lange überfällig waren, und die man mit Genuss liest, während man auf den verspäteten Zug wartet.
Lentz ist genauer Beobachter und genauer Poet zugleich, seine Worte kommen ihm nicht leicht, er muss sie der Wirklichkeit abringen. "Liebeserklärung" ist vor allem ein Kampf mit der Sprache, ein Anpirschen an die Worte, nicht um sie zu erledigen, sondern um sie wieder mit Sinn zu füllen. Daneben enthält es schöne poetische Neuformungen, nicht nur von Sprache, sondern auch von Schreibübereinkünften. In einem ganz wunderbaren Absatz versucht Lentz zum Beispiel eine Art Echtzeit einzuführen: Der Erzähler liest einen an ihn gerichteten Brief seiner Freundin, der genaue Wortlaut erscheint in Anführungsstrichen, dann der Erzähler: "Ich setze mich hin und lese das nochmal." Und dann schreibt Lentz den Wortlaut des Briefes noch einmal eins zu eins hin - ein wundervolles retardierendes Moment. In solchen Passagen zeigt sich Lentz' Faszination für Sprachspiele, seine Affinität zur Wiener Schule.

Darüber hinaus beinhaltet "Liebeserklärung" Lentz' Auseinandersetzung mit dem "alten Dänen" Sören Kierkegaard. "Andererseits liebte er sie doch nicht, denn er sehnte sich bloß nach ihr" heißt es bei Kierkegaard, und vielleicht wäre das der passende Untertitel für dieses bemerkenswerte Buch. Manchmal sind die Grenzen zwischen Sehnen und Lieben fließend.
Tina Manske

 Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria
Tinas Wertung: 10 von 12

 Umschlag  Button Bestellen
Bestellen bei "Amazon.de"

Lesen Sie auch
Umschlagtext
Leseprobe

 Button Links
Verlegt bei S-Fischer
 Copyright Literaturkritiken.de, Dezember 2003
Werbung
 Einkaufen bei: Amazon.de
 
 
 
Werbung
Copyright Texte und Bilder 2001 - 2007 Literaturkritiken.de oder Lizenzgeber, falls angegeben.
Lesen Sie auch:
FilmHai.de: Film, DVD, Kinostarts und Filmstarts