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Küsse aus New York
Art Spiegelman
Buch-Kritik
Bekannt
geworden ist er als Herausgeber des Comic-Magazins "Raw" und als Pulitzer-Preisträger
für sein Meisterwerk "Maus". Jetzt ist ein Band von Art Spiegelman
erschienen, der dessen Arbeiten für das Titelblatt des New Yorker
zusammenfasst. Eines dieser Titelblätter wird ihn wohl unsterblich
machen, schon allein des Themas wegen: In der Woche der Anschläge
auf das World Trade Center in New York zeichnete Spiegelman eine gänzlich
schwarze Seite, in der nur schemenhaft die Umrisse der Türme des WTC
zu erkennen sind - eine geniale Umsetzung seiner Sprach- und Fassungslosigkeit.
Aber auch sonst trifft Spiegelman den Nagel erstaunlich häufig auf
den Kopf: den Osterhasen hängt er, mit einem Sonntagsanzug bekleidet,
in der Stellung eines Gekreuzigten an der Lohnsteuererklärung auf;
der erste Schultag entlässt eine Horde Kinder aus dem Schulbus, als
Gepäck nicht Schultüten, sondern schwere Waffen unter dem Arm tragend.
Kein Wunder, dass Spiegelman so manches Mal mit den Chefs des New
Yorker im Clinch lag. Seine Zeichnungen bewirkten Skandale; so zum
Beispiel diejenige eines Polizisten, der an einem Schießstand steht:
"41 shots = 10 cents" steht auf einem Plakat, und geschossen wird
auf die Schattenrisse von Passanten. Das nimmt natürlich Bezug auf
den Vorfall in der Bronx, bei dem 1999 der westafrikanische Einwanderer
Amadou Diallo bei einer Routinekontrolle von vier Polizisten mit 41
Schüssen getötet wurde - während er selbst unbewaffnet war. Die Polizisten
wurden frei gesprochen.
Als das Heft mit diesem Titel erschien, war die Hölle los. Polizisten
protestierten vor der Redaktion, Spiegelman als "Psychopath" beschimpft.
Aber seine Kinder waren stolz auf ihn. Vor den kniffligen Themen hat
er sich jedenfalls niemals abschrecken lassen. So naiv seine Zeichnungen
zum Teil auch anmuten, sie lassen den Betrachter des öfteren ins Bodenlose
fallen.
Der Band "Küsse aus New York" ist eine fabelhafte Werkschau dieses
bedeutenden Zeichners geworden. Als Informationsmaterial gibt es jede
Menge Kommentare Spiegelmans zu seinen Bildern. Mittlerweile aber
hat er sich von der Heftgestaltung zurückgezogen. Das Leben, so hat
man ihn zitiert nach den Anschlägen des 11. September, ist zu kurz,
um nicht das zu tun, was man eigentlich tun will. Und das ist bei
ihm Comics zeichnen. Man darf sich also auf weitere preisverdächtige
Bücher von ihm freuen.
Tina Manske
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Umschlagtext
Links
Verlegt
bei Zweitausendeins
Literaturkritiken.de, Januar 2004
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