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Sabine Thiesler: Der Kindersammler
Umschlagtexte  Er
hat die Ausstrahlung eines Engels - und ist der leibhaftige Teufel.
Anne und ihr Mann Harald erleben den Albtraum aller Eltern: Während
eines Toscanaurlaubs verschwindet ihr Kind spurlos. Die Suche der
Polizei verläuft ergebnislos, und sie müssen ohne ihren
Sohn Felix nach Hause fahren. Zehn Jahre später kehrt Anne an
den Ort des Geschehens zurück, um herauszufinden, was damals
passiert ist. Sie ahnt nicht, wie nah sie dem Täter kommt -
und er ihr.
Das Buch
Anne und ihr Mann Harald erleben den Albtraum aller Eltern: Während
eines Toscanaurlaubs verschwindet ihr Kind beim Spielen spurlos,
und sie müssen zwei Wochen später unverrichteter Dinge
nach Hause fahren. Zehn Jahre danach kehrt Anne an den Ort des Geschehens
zurück, um herauszufinden, was damals passiert ist. In einem
einsamen Tal kauft sie eine romantische Wassermühle von einem
charismatischen Deutschen. Der Mann fasziniert sie und sie vertraut
ihm bereits nach kurzer Zeit blind. Sie weiß nicht, dass dieser
charmante, freundliche Mann ein Massenmörder ist, der sowohl
in Deutschland als auch in Italien mehrere Kinder getötet hat
und sich seit Jahren unbehelligt in den toscanischen Bergen versteckt
hält.
Die Autorin:
"Sabine Thiesler", geboren und aufgewachsen in Berlin, studierte
Germanistik und Theaterwissenschaften. Sie arbeitete einige Jahre
als Schauspielerin im Fernsehen und auf der Bühne und war Ensemblemitglied
der Berliner "Stachelschweine". Außerdem schrieb
sie erfolgreich Theaterstücke und zahlreiche Drehbücher
fürs Fernsehen (u. a. "Das Haus am Watt", "Der
Mörder und sein Kind" und mehrere Folgen für die Reihen "Tatort" und "Polizeiruf
110"). "Der Kindersammler" ist ihr erster Roman.
Leseprobe Und
dann fiel Benjamin plötzlich ein, dass er irgendwo gehört
hatte, man sollte mit den Verbrechern reden. Dann lernten sie einen
besser kennen, dann fanden sie einen nett, und dann konnten sie
einem nicht mehr wehtun.
"Zieh dich aus", befahl Alfred, während er den Küchenschrank
und das Regal durchwühlte. Er brauchte jetzt dringend Alkohol.
Egal, in welcher Form. Egal was. Er musste sich betäuben,
beruhigen, die Spannung war einfach schon zu groß. Er hatte
ja jede Menge Zeit, und das wollte er auch auskosten. Wenn er nichts
zu trinken fand, war die ganze Chose innerhalb der nächsten
halben Stunde vorbei.
"Sie haben mich ja noch gar nicht nach meinem Namen gefragt." Benjamin
versuchte, ruhig zu sprechen, aber seine Stimme klang dennoch hoch
und zittrig.
"Ich will ihn auch nicht wissen", sagte Alfred. Endlich. In
der äußersten Ecke des Regals fand er hinter Konservenbüchsen
mit gemischtem Gemüse, geschälten Tomaten und völlig überalterten
Gläsern mit Spargelspitzen eine Flasche Kirschlikör,
in der aber nicht mal mehr ein Viertel drin war. Alfred goss den
Likör in ein Wasserglas und begann zu trinken. Langsam, aber
ohne Pause.
"Ich heiße Benjamin Wagner", sagte Benjamin. "Ich
bin elf Jahre alt, gehe in die fünfte Klasse und wohne in
der Weserstraße 25. Meine Hobbys sind …"
Alfred schoss hinter dem Tresen hervor und brüllte: "Bist
du taub? Ich hab dir gesagt, ich will es nicht wissen! Ich will
deinen Scheißnamen nicht wissen! Ich will auch nicht wissen,
wie alt du bist und in welche Schule du gehst und ob deine Eltern
dick oder dünn, reich oder arm oder gottweißwas sind!
Es ist nicht wichtig! Es tut nichts zur Sache! Und wenn du nicht
den Mund hältst, dann sorge ich dafür, dass du es tust,
verstanden?"
Benjamin nickte eingeschüchtert. Der Mann würde nie sein
Freund sein.
"Zieh dich endlich aus, du kleine Kröte! Na los, mach schon!"
Benjamin zog sich langsam den Pullover aus. In der Laube war es
nicht viel wärmer als draußen. Das Fenster, durch das
der Mann eingestiegen war, stand noch offen. Wie konnte er den
Mann nur dazu bringen, die Laube mal für eine Weile zu verlassen?
Dann könnte er vielleicht aus dem Fenster klettern und fliehen!
Aber ihm fiel überhaupt kein Trick ein. In den Kinderbüchern
waren die Kinder auch immer in ausweglosen Situationen, aber sie
schafften es dennoch jedes Mal, irgendwie zu entkommen. Im letzten
Moment hatten sie immer eine tolle rettende Idee. Benjamin hatte
keine.
"Wird’s bald?", fragte Alfred.
Benjamin zog langsam seine Jeans aus, dann seine Strümpfe.
Er hatte am ganzen Körper eine Gänsehaut.
"Weiter!", befahl Alfred. Er saß vor dem Bett, trank
und sah Benjamin zu. Die Küchenhandtücher und die in
Streifen geschnittene Tischdecke lagen griffbereit.
Benjamin versucht zu vergessen, was er tat und was hier gerade
geschah. Er war in Gedanken bei seinen Eltern. Bei seiner wunderschönen,
schrecklich kranken Mutter, die so gut trösten konnte, wenn
irgendetwas wehtat. Die so lange, helle Haare hatte und eine so
weiche Haut. Die den besten Hackbraten der Welt mit der tollsten
braunen Soße überhaupt machte und die ihm schon so manches
Mal ins Ohr geflüstert hatte: "Ich liebe dich, kleiner
Mann." Und er dachte an seinen Vater, der ihm schon x-mal
das Fahrrad repariert hatte, der auf Geburtstagsfeiern perfekt
andere Leute nachmachen konnte, der so gerne Country-Musik hörte
und jeden Winter mit ihm auf dem Insulaner rodeln ging. Er wusste
nicht, wie er diese Sehnsucht nach seinen Eltern überhaupt
noch aushalten sollte.
Langsam zog sich Benjamin das T-Shirt über den Kopf.
"Die Unterhose auch", sagte Alfred und beugte sich ein Stück
weiter vor.
Durch eine Öffnung in der Gardine, die über dem Bett
am Fenster hing, konnte Benjamin den Himmel sehen. Er hatte die
Unterhose ausgezogen und lag jetzt völlig nackt da.
"Es schneit", sagte er leise. "Bald ist Weihnachten." Und
dann fing er an zu weinen.
Leseprobe:
Heyne
Der
große Alfred Hitchcock hat einmal in etwa gesagt: "Zwei
Männer sitzen an einem Tisch und unterhalten sich. Plötzlich
geht eine Bombe los. Die Zuschauer erschrecken. Aber wenn du vorher
den Zuschauern zeigst, dass unter dem Stuhl des einen Mannes eine
Bombe liegt, die bald losgehen wird, und dass beide Männer
keine Ahnung davon haben, dann erzeugst du eine ungeheuere Spannung
bei den Zuschauern, die sich über einige Zeit hinzieht. Und
so sollte es sein." Genau das macht "Sabine Thiesler" in
ihrem unglaublich spannenden Romandebüt "Der Kindersammler".
Schon nach ein paar Seiten weiß man, wer der Kindermörder
ist, aber das erzeugt eine derartige Nerven zerreißende Anspannung,
dass man nur noch hilflos mit feuchten Händen an den Nägeln
knabbern kann, mit brennenden Augen eine Zeile nach der anderen
verschlingt und hektisch eine Seite nach der anderen umblättert.
Er wird doch nicht auch diesen kleinen blonden Jungen …!
Natürlich wird er! Carla wird doch nicht diesem Monster vertrauen!
Natürlich wird sie. Anne wird sich doch nicht von diesem Teufel
einwickeln lassen! Natürlich wird sie. Alfred alias Enrico
wickelt sie alle ein, mit seinem guten Aussehen, seinem Charme,
seiner Freundlichkeit, seiner unendlichen Geduld und Hilfsbereitschaft.
Wie ein Engel sieht er aus, sagen alle. Aber alle drei Jahre verschwindet
dieser Engel und der Teufel kommt ans Tageslicht. Raffiniert, hinterhältig,
widerwärtig.
Ein Kindermörder, der nur alle drei Jahre
zuschlägt, ist fast nicht zu fassen. Und wenn er dann auch
noch im Ausland weiter macht, ist die Chance praktisch Null. Aber
er hat nicht mit Anne gerechnet, einer Mutter, die nicht vergessen
kann und will, und die nicht aufgeben kann und will. Und die gerade
seinem Charme erliegt und sich genau ihm anvertraut, dem Mörder
ihres Sohnes … "Sabine Thiesler" hat ihre Story
vom "Kindersammler" genau durchkonstruiert. Da bleibt
kein loses Ende über. Es passt alles perfekt. Sie spielt mit
großem Geschick auf der Klaviatur der atemberaubenden Spannung.
Und sie ist eine großartige Beschreiberin, sowohl von Menschen
als auch von Landschaften und Orten. Man versinkt geradezu in ihre
Geschichte, schmeckt die kühle Abendluft des verwunschenen
Tales, hat das eigenwillige alte Haus vor Augen, und blickt in
den geheimnisvollen trüben Pool unter der Quelle. Und obwohl
man als Leserin genau weiß, welch psychopathisches Monster
dieser Enrico ist, versteht man, dass Anne ihm verfällt. Ebenso
präzise sind alle anderen Figuren gezeichnet, und die vielen
Orte und Geschehnisse, angefangen von Alfreds Kindheit, über
seine Morde, bis hin zu seinem unerkannten Leben als Enrico in
der Toscana. Fazit: Wenn Sie Kinder haben, und dieses Buch "Der
Kindersammler" von "Sabine Thiesler" gelesen haben,
werden Sie ihren Nachwuchs vermutlich für sehr lange Zeit
nicht mehr aus den Augen lassen. 526 Seiten Hochspannung sind garantiert!
Ich freu mich schon auf den nächsten Thriller von "Sabine
Thiesler".
Julia Edenhofer
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Edenhofer für Literaturkritiken.de, 05.08.07
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