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Kalbs Schweigen
Alexander Gorkow

 Cover Buch-Kritik
 Pfeil Es scheint ein ganz normaler Tag für den Talkshowmoderator Joseph Kalb. Wieder einmal wird er einigen Selbstdarstellern ein Forum für ihre Eitelkeiten bieten und damit Quote machen. Doch plötzlich findet sich auf dem Parkplatz der Fernsehanstalt eine sterbende Taube vor seinem Wagen und plötzlich kann auch Kalb an nichts anderes mehr denken als daran, wie er selbst immer ans Sterben denkt, wenn er eine bestimmte Autobahnbrücke passiert. Kalbs Leben ist nicht gerade das, was man glücklich nennt. Von seiner Frau hat er sich schon lange getrennt, die Kinder sieht er nur sporadisch. Er ist umgeben von Menschen, die behaupten ihn zu mögen, aber richtige Freunde hat er kaum.
An diesem Tag wird er mitten in der Sendung, zwischen einem Jungschauspieler und einem aufgeregten Dichter, verstummen. Kein Wort wird mehr über seine Lippen gehen. Er wird alle im Studio zur Weißglut treiben. Und niemand wird wissen, wie man ihn wieder zum Sprechen bringen kann.

Der Buchumschlag von "Kalbs Schweigen" verspricht, dass der schweigende Kalb sich nun wiederfindet in einem anschwellenden Bocksgesang seiner Mitmenschen. Das suggeriert, dass wir in diesem Buch Einblick in die Gedanken eine Menschen nehmen, der sich plötzlich des allgemeinen Gegackers entzieht. Leider ist dem aber nicht so. Der erste Teil des Buches, als Kalb noch spricht wie du und ich, ist aus seiner Perspektive erzählt. Man macht sich als Leser vertraut mit dieser Figur, identifiziert sich sogar ein bisschen, man findet diesen kaputten Typen irgendwie sympathisch. Doch ab seinem Verstummen, wenn es interessant zu werden verspricht, wie Kalb die Reaktionen seiner Umwelt einschätzt, was er sich dabei denkt etc. - switcht die Perspektive zu seinem Kollegen und einzigem Freund Hambeck, aus dessen Sicht wir ab nun das Geschehen weiter verfolgen. Nichts ist es mit Introspektion des Ungewöhnlichen. Natürlich macht dieser Kunstgriff das Schreiben für Gorkow leichter, aber gerade deshalb fühlt man sich vom Autor betrogen. Von Kalb erfahren wir hingegen nichts mehr, lediglich, dass er ständig apathisch vor sich hin blickt oder schläft, und das Ganze eben schweigend. Als ob ein verstummter Mensch nicht mehr als Subjekt, sondern lediglich noch als Objekt tauge. Denkt man diesen Gedanken zu Ende, dann macht sich Gorkow hiermit zum Anwalt der ständig quatschenden Meute, die er eigentlich zu karikieren sich anschickte.

Auch sonst kommt die Medienkritik, die "Kalbs Schweigen" wohl transportieren soll, sehr kurz angebunden und handzahm daher. Die Figuren sind nur holzschnittartig gezeichnet und seltsam blutleer, und sie gehen den Leser nicht weiter an. Von einem Zeitungsmacher hätte man sich etwas mehr Biss gegen die TV-Szenerie gewünscht. Dass Kalb am Ende wieder anfängt zu sprechen berührt nicht weiter, und selbst den Anlass dazu kann man als Leser schon lange erahnen.

Dafür beherrscht Alexander Gorkow die Kunst der Synergieerzeugung: Der zugegebenermaßen prägnante zentrale Satz "Nicht der Weg ist das Ziel, das Ziel ist das Ziel" beschloss vor kurzem auch einen Artikel Gorkows für die Wochenendbeilage der SZ, und die Krawattenfotos auf der Umschlagseite stammen aus dem SZ-Magazin.
Tina Manske

 Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria
Wertung: 6 von 12

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