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Ein Hauch von Schnee und Asche
Diana Gabaldon
Buch-Kritik
Lang
erwartet, ist er endlich da, der sechste und letzte Band der Highland-Saga
um Jamie und Claire. Im ersten Band hatte die frisch (mit Ehemann
Nr. 1) vermählte
Claire im Jahre 1945 einen Menhir aus einem magischen Steinkreis
berührt und war zurückversetzt worden ins Schottland von
1743. Dort lernt sie Jamie kennen und lieben, heiratete ihn (Ehemann
Nr. 2), bekam ein Kind von ihm, verlor es wieder und kehrte schließlich
wieder in ihre Zeit zurück. Schwanger.
Nachdem ihr Ehemann Nr. 1 irgendwo zwischen Band 1 und Band 2 verstorben
ist, entschwindet Claire wieder in die Vergangenheit, und lässt
ihre Tochter Brianna (von Ehemann Nr. 2, Jamie) zurück in den
neunzehnhundertsechziger Jahren. Sie sucht und findet Jamie, und
geht mit ihm nach Amerika. - Brianna indes verlässt ihren Freund
Roger, um ihrer Mutter zu folgen und um ihren leiblichen Vater kennen
zu lernen. Auch sie hat die Gabe "durch die Steine zu gehen".
Sie nimmt die Spur ihrer Eltern auf und wird in der Familie ihres
Vaters freudig aufgenommen - dank ihrer verblüffenden Ähnlichkeit
zu ihrem Vater. Schließlich gelangt auch sie nach Amerika,
gefolgt von Roger, der, dank einiger Edelsteine, ebenfalls durch
die Steine gehen konnte. - Hilfreich waren für ihn auch die
Aufzeichnungen seiner Ururgroßmutter Geillis Duncan (zumindest
heißt sie von Band 1 bis 4 so, ab Band 5 heißt sie dann
passenderweise Geili - oder war das der unbefriedigte Zustand der Übersetzerin?
Nach einigen mehr oder weniger spannenden Abenteuern ist die Familie
schließlich in Amerika vereint, wo sie eine Siedlung namens
Fraser's Ridge gründet, Brianna und Roger heiraten, werden Eltern
und die Geschichte könnte zu Ende sein. Ist sie aber nicht,
denn Band fünf erzählt, mehr oder weniger
langatmig, wie es im achtzehnten Jahrhundert in Amerika allgemein
und in Fraser's Ridge im Besonderen zuging. Der stets souveräne
und nimmermüde Jamie managt alle Widrigkeiten, stets in dem
Wissen, dass sein Tod erst in ein paar Jahren (am 21.01.1776) bevorsteht.
Das macht die Geschichte nicht wirklich fesselnder. Gegen Ende flackert
dann noch einmal Spannung auf: Der verloren gegangene Neffe Jamies,
Ian, taucht wieder auf, wird in die Familie integriert,
als wenn nichts geschehen wäre, und dann ist das Buch auch schon
wieder am Schluss angelangt.
Doch nun kommt der lang ersehnte Band Nummer sechs. Ein mehr als
1300 Seiten starker Hauch von Schnee und Asche.
Die Geschichte zieht sich hin wie ein ausgelutschtes Kaugummi, zwischen
Claires Brüsten verrinnt eimerweise Schweiß und Jamie's
Gebiss wird von Beschreibung zu Beschreibung makelloser und weißer,
wie übrigens die Gebisse der übrigen Familienmitglieder
auch. Es gibt nichts, was die Geschichte wirklich vorantreibt, wenn
auch Frau Gabaldons Recherche hervorragend ist und ihre Pedanterie
im
Detail bewundernswert. Trotzdem ist dieses Buch um etwa 1000 Seiten
zu dick und hätte
ohne weiteres mit dem Stoff des fünften Bandes zusammengefasst
Platz auf etwa fünfhundert Seiten gefunden.
Es drängt sich einfach der Gedanke auf, dass Frau Gabaldon sich
gezwungen sah, ihr Versprechen einzuhalten, Band fünf und sechs
zu schreiben, obwohl die Story um Jamie und Claire längst beendet
war, und die beiden im sauer verdienten Ruhestand leben sollten.
Statt dessen werden sie womöglich noch für einen siebenten
Band hervorgezerrt, um vielleicht selbstreinigende dritte Zähne
zu erfinden, das Penizillin vorzeitig zu vervollkommnen, um den Weg
für adäquate Nachfolgepräparate zu bereiten. Vielleicht
könnte auch die ganze Familie versuchen, zurück in die
eigene Zeit zu gehen. Dank der Erkenntnisse der Geillis, pardon Geili,
Duncan dürfte das ja weder für Jamie noch für Brianna's
Kind ein Problem werden. Und für den Leser wäre es vielleicht
spannend zu erfahren, wie sich der Übervater und ewig junge
Held Jamie in der Neuzeit macht, oder ob Claire weiterhin der Schweiß in
Sturzbächen zwischen den Brüsten verrinnt. Dabei taucht
allerdings auch die Frage auf, was eine Familie auszuhalten im Stande
ist: Krieg, Gefangenschaft, Auswanderung, Plünderung, Mord,
Brandschatzung, Vergewaltigung, Entführung, Beinahe-Exekution,
wieder Krieg und immer wieder Angriffe von ominösen hartnäckig
wiederkehrenden Bösewichten.
Hier wird, trotz oben erwähnter, hervorragender Recherche, Spannung
zur Monotonie und Abenteuer zur Einöde. Umso mehr, da das Geschehen
aus den vorangegangenen Bänden nur noch in stichwortartigen
Hinweisen angerissen wird (zu oft wurde es für die treue Leserschaft
in Erinnerung gerufen), sodass der Neuling, wie auch der Vergessliche,
oft überhaupt keine Chance hat, Rückschlüsse zu ziehen,
und die Erwähnung der vorangegangenen Ereignisse überflüssig
scheinen. Mögen die Gabaldon-Fans unter meinen Lesern mir gnädig
verzeihen, aber ich denke, 29 Euro sind doch ein bisschen viel, um
sich Gewalt in Form von brutaler Langeweile auf 1400 g Papier und
anzutun! - Das reißt auch der gelungene Schutzumschlag nicht
heraus.
Jo-Achim Goike
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Leseprobe
Jo-Achim
Goike für Literaturkritiken.de, 29.03.06 | |
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