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Mary - Mein Leben in ihrem Schatten
Georg Preuße

MaryBuch-Kritik
 Pfeil Der Schutzumschlag zeigt eine reife, äußerst gepflegte Dame, der man ihr wahres Alter kaum anzusehen vermag. Lediglich ihre mit extrem langen, künstlichen Fingernägeln versehene Hand lässt vage auf fortgeschritteneres Alter und gelegentliche Hausfrauentätigkeit schließen. - Kaum zu glauben, dass dieses Wesen aktiv am Bau eines Hauses beteiligt war. Schon gar nicht zu glauben, dass diese Dame ein Herr ist. Absolut unglaublich ist jedoch, dass dieser Herr in der Tat fünfundfünfzig Jahre auf dem Buckel hat und im wirklichen Leben auch fast so aussieht! Dieses Bild beweist einmal mehr, mit welcher Perfektion Georg Preuße die Illusion einer Traumfrau wahrhaftig zu machen vermag. Von Anfang an war es diese Perfektion, die ihn antrieb, sein Selbst zu suchen, Mary zu finden, und gemeinsam mit ihr zu Ruhm und Ehre aufzusteigen.
Georg Preuße wurde am 24. August 1950 im katholischen Ankum im Teutoburger Wald geboren. Die Totenglocken, schreibt er, waren sein Willkommensgruß. - Ein Omen, auf das ich später noch zurückkommen möchte. In seiner Kindheit kränkelte und schwächelte er, und unterschied sich auch sonst von den Mitgliedern seiner Familie. So spielte er mit den Kindern der ostpreußischen Aussiedler, was seiner Großmutter Wilhelmine, die wie ihr kaiserlicher Vorname war, entschieden gegen den Strich ging. So spielte Klein-Georg heimlich mit dem "ostpreußischen Kroppzeug". Überhaupt schürten solche Verbote sein Interesse: "Mit Zirkuskindern spielt man nicht", oder "Das sind Juden, alles durchtriebene Bänker" oder "das sind Zigeuner, die klauen die Wäsche von der Leine". Er lauschte den Erwachsenen und schied Richtiges von Falschem. Eine Eigenschaft, die Mary eines Tages zu einer scharfzüngigen Kritikerin machen würde.
Für ein Jahr lebte er bei Onkel und Tante in Castrop-Rauxel, bei denen er sich von einer langen, schweren Lungenentzündung erholen sollte. Hier hat er zum ersten Male das Gefühl richtig zu sein. Doch er muss wieder zurück nach Ankum; die Schulzeit beginnt. Gisela Schlüter, der "Blaue Bock" und diverse andere Shows wecken in ihm das Faible für Musik und Tanz, sehr zum Leidwesen seines Vaters. Den versuchte er dann mit Kasperletheater zu beglücken, was aber auch irgendwie nicht gelang. Später lebte er seinen Hang zum Rollenspiel aus, führte vor Nachbarskindern alles auf, was er im Fernsehen gesehen hatte. Natürlich gegen Geld, denn Oma Wilhelmine hatte immer gesagt: "Georg, was nichts kostet, ist auch nichts wert." - Und so sagte ein Lokalbesitzer den NÜRNBERGER NACHRICHTEN: "Die war immer teuer, aber sie war auch die Einzige, die ihr Geld wert war und es immer eingespielt hat." Wilhelmine brachte Georg Disziplin bei und Haltung. Stand er krumm oder schief, prallte ihr Gehstock in seinen Rücken. Als er dreizehn war, stellte sie fest, dass sein rechtes Bein zu kurz war. So wurde das linke Bein operativ gestaucht, was ihn vom Wehrdienst befreite, aber seine Künstlerlaufbahn ermöglichte.
Als Künstler bietet Georg Preuße seinem Publikum eine perfekte Illusion: die absolute Traumfrau mit toller Figur, perfektem Make-up, charmanter Unterhaltung und äußerst schönen Beinen. Niemand erahnte auch nur die langen Narben an seinem linken Bein.
Georg Preuße verrät nicht nur Einzelheiten aus seinem eigenwilligen Leben, er spricht auch unverblümt über Tricks, aus einem verhältnismäßig alten Mann eine verhältnismäßig junge Frau zu machen. Und im Fototeil zeigt er sogar Schritt für Schritt, wie das geschieht. Ist Travestie bis zum Erscheinen von Mary und Gordy auf dem Bildschirm eher negativ belastet gewesen, so hat insbesondere Marys Plauderei (neben Gordys Komik natürlich) zu einer allgemeinen Akzeptanz geführt. Sie bewies, dass eine Dame ihres Schlages nicht mit niveaulos aneinander gereihten Schlüpfrigkeiten unterhalten muss, sondern dezent und subtil, auf jeden Fall aber charmant unter die Gürtellinie zu gehen vermag. So sprach sie nicht bloß Männer an, sondern gab auch den Damen die Möglichkeit, über Zweideutigkeiten herzhaft zu lachen. Und das ist vielleicht die Veränderung, die die Totenglocken bei der Geburt des Herrn Preuße vorhersagten (Im Tarot steht der Tod in erster Linie für Veränderung).
Der Fototeil. Fast 90 Seiten mit Bildern von Georg Preuße privat und "dienstlich", Reiner Kohler, Mary Morgan und Mary und Gordy. Bilder, die teilweise so schön sind, dass es schade ist, sie nicht als Poster an die Wand hängen zu können. Apropos Reiner Kohler: Georg Preuße spricht offen über die Trennung von Mary und Gordy, allerdings sollte der Interessierte sich im Klaren sein, dass hier keineswegs schmutzige Wäsche gewaschen wird. Eben so wenig wird jemand scheinheilig in den Himmel gelobt. So persönlich er über seine Empfindungen explizit in diesem Fall schreibt, so viel Fingerspitzengefühl setzt er dafür ein. Überhaupt wird dem geneigten Leser klar: Georg Preuße, das ist kein Halligalli-Typ, keine Fummeltrine, die sich nach der Vorstellung als große Diva im prächtigen Abendkleid feiern lässt und ordinär im Champagner badet, sondern ein sensibler und zurückhaltender Mensch, der strebsam und emsig seiner Arbeit nachgeht. Ein Mensch, der auf sein bisheriges Leben zurückschaut und Marys Fans daran teilhaben lässt und dabei auch nicht ganz so bekannte Dinge preisgibt. Wussten Sie z. B., dass Mary verheiratet ist?
Jo-Achim Goike

 Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria
Wertung: 10 von 10

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 Copyright Jo-Achim Goike für Literaturkritiken.de, 12. November 2005
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