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Gabrielle oder Die Rückkehr
Joseph Conrad

GabrielleBuch-Kritik
 Pfeil "Joseph Conrads" Kurzgeschichte "Gabrielle oder Die Rückkehr" ist nur 90 Seiten lang, aber mehr braucht es auch nicht. Darin kommt ein Mann früher als sonst nach Hause und entdeckt Ungeheuerliches: Einen Brief, in dem seine Frau ihm mitteilt, dass sie ihn wegen eines anderen verlässt! Alvan Hervey ist nicht irgendwer, Alvan Hervey ist ein Herr. Conrad beschreibt ihn so: "Er war groß, gut im Geschäft, gut aussehend und gesund." Ein Mann, der völlig seiner selbst sicher ist, der ohne Wenn und Aber von sich überzeugt ist, der der festen Meinung ist, alles fest im Griff zu haben. Und dann dieser ungeheure Affront! Fünf Jahre hatte er mit dieser Frau verbracht in der irrigen Meinung, dass sie ihn liebe. Er hatte sie erwählt, weil sie zu ihm passte: "Das Mädchen war gesund, groß, hübsch und hatte seiner Meinung nach gute Beziehungen, war gut erzogen und intelligent". Die beiden waren also ein Paar, das harmonierte. Dachte er zumindest. Und nun verließ sie ihn ausgerechnet wegen einem seiner Mitarbeiter: Dem Chefredakteur der Zeitung, die er finanzierte! Ein Mann, der in seinem Haus ein- und ausgegangen war, und der diese Vertrauensstellung schamlos ausgenutzt hatte!
"Joseph Conrad" beschreibt in seiner Kurzgeschichte "Gabrielle oder die Rückkehr" den Zustand dieses völlig verwirrten, verunsicherten und an sich selbst zweifelnden Mannes geradezu minutiös. Jeder Gedanke, der ihm durch den verzweifelten Kopf schießt, jede moralische Empörung, die sein verunsichertes Gemüt erlebt, jede nervöse Bewegung, jeder tastende Schritt, wird von Conrad wortreich und differenziert vor dem Leser ausgebreitet. Mit wachsendem Erstaunen erfährt man, dass dieser Mann, der zu Beginn nicht unbedingt sympathisch beschrieben wird, plötzlich zu tieferen Regungen fähig ist. Alvans Leben mit seiner Frau - deren Name in der Kurzgeschichte übrigens, im Gegensatz zum Film, nie genannt wird - beschreibt Conrad so: "Sie verstanden einander wachsam, stillschweigend, wie zwei vorsichtige Verschwörer in einem einträglichen Komplott; denn beide waren sie unfähig, eine Tatsache, ein Gefühl, ein Prinzip oder einen Glauben anders zu betrachten als im Hinblick auf ihren eigenen Stolz, ihre eigene Verherrlichung, ihren eigenen Vorteil. Hand in Hand glitten sie an der Oberfläche des Lebens dahin, in einer klaren und frostigen Atmosphäre - wie zwei elegante Schlittschuhläufer, die um des Beifalls der Zuschauer willen in dickes Eis Figuren schneiden und den verborgenen Strom darunter verächtlich unbeachtet lassen, den ruhelosen und dunklen Strom; den Strom des Lebens, tief und ungefroren."
Und so schliddern beide unaufhaltsam in das Unheil, das sich "echte Gefühle" nennt: Sie, weil sie sich plötzlich verliebt, er, weil er plötzlich bemerkt, dass er sie liebt. Doch von ihr, der untreuen Frau, der Ausreißerin, die unterwegs der Mut verlässt, und die reumütig nach Hause zurückkehrt, erfährt man praktisch nichts. Man erfährt nicht, warum sie sich gerade in diesen Chefredakteur verliebt hat, man erfährt nicht, warum sie sich entschlossen hat, ihren Mann nach fünf nicht gerade glücklichen aber zumindest ruhigen und erfolgreichen Jahren zu verlassen, und man erfährt genauso wenig, warum sie auf halbem Weg umdreht und in die ungeliebte Ehe zurückkehrt.
Die Ehefrau, die im Film Gabrielle heißt, bleibt um Dunkeln, bleibt mysteriös. Man weiß auch nicht, was passiert wäre, wenn Alvan Hervey nicht zu früh zurückgekehrt wäre, wenn er den Brief gar nicht gefunden hätte, wenn seine Frau früher zu Hause gewesen wäre und den Brief vernichtet hätte. Hätte sie etwas angedeutet? Oder hätte sie ihn weiter in dem Glauben gelassen, eine glückliche Ehe mit einer liebenden Frau zu führen? So aber verbringt Alvan Hervey eine fürchterliche Nacht - im Gegensatz zum Film erstreckt sich die Kurzgeschichte nur über einen Abend und eine Nacht -, in der er zitternd und bebend, wütend und rasend, traurig und erschöpft, auf die armseligen Trümmer seines Lebens blickt. Und die Frau, die zwar zu ihm zurückgekehrt ist, die sich aber weigert, ihm eine Erklärung über ihr Verhalten zu geben, wird ihm so fremd. So fremd, dass er es nicht mehr mit ihr aushält. Jetzt, wo er weiß, dass er nicht geliebt wird, will er das ungeliebte Leben nicht mehr fortführen, als wäre nichts gewesen. Sie bietet es ihm an, er lehnt es ab. So schlummert in dem überheblichen, selbstsicheren, arroganten, wohlhabenden Bürger doch ein tieferes Gefühl, als man annehmen konnte. Oder vielleicht ist es insgeheim doch nur gekränkte Eitelkeit? Die Angst davor, was all ihr guten Bekannten und Freunde sagen würden, wenn sie von seiner Schmach erführen?
Fazit der Literaturkritik: "Gabrielle oder die Rückkehr" von "Joseph Conrad" ist für mich ein sehr beunruhigendes Buch. Beunruhigend, weil ich zwar die Entwicklung von Alvan Hervey durchaus nachvollziehen kann, aber die Beweggründe seiner Frau nicht verstehe. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger verstehe ich sie. Und das ist von Joseph Conrad wohl auch beabsichtigt. Sonst hätte er Alvan nicht so detailliert und überaus brillant gezeichnet, während die Frau seltsam blass und unscharf bleibt, eigentlich nur eine Stichwortgeberin für die gefühlsmäßigen Ausbrüche und Verwerfungen von Alvan ist.
Julia Edenhofer

 Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria  Gloria
Wertung: 9 von 10

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 Copyright Julia Edenhofer für Literaturkritiken.de, 10. Februar 2006
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