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Eine Frau und mehr
Romy Haag
Buch-Kritik
Ein
Buch, bei dessen Lektüre Raum und Zeit vergessen werden
Romy
Haag plaudert leicht und unterhaltsam aus ihrem nicht immer ganz
einfachen Leben, das sie als Junge begann, der sich nicht wie ein
richtiger Junge verhielt. Ihre Eltern, insbesondere der Vater, schämten
sich, wegen der femininen Ausstrahlung ihres Sohnes. Sie beschreibt
ihre Kindheit und Jugend, den Kampf um Normalität und Anerkennung,
ohne ein beklemmendes Gefühl zu erzeugen. Mit dreizehn geht
sie von zu Hause fort, und gelangt über Amsterdam nach Bremerhafen. "Dort
wimmelt es von Transsexuellen", malte sie sich aus; ein Matrose
hatte ihr von einem einschlägigen Cabaret erzählt. Dieses
Cabaret gab es mittlerweile nicht mehr, so war ihre Enttäuschung
groß. Das Geld in ihrem Portmonee reichte noch für eine
Fahrkarte nach Hamburg. Hier fand sie endlich, was sie suchte: ein
Engagement in einer Bar, in der Transsexuelle arbeiteten. Von hier
aus startet sie als Bauchtänzerin im Spitzenschlafanzug ihre
Karriere als Showstar.
Der Leser nimmt Teil am Leben und der Arbeit
vor und hinter den Kulissen der Nachtklubs aus den 60er und 70er
Jahren in Hamburg,
Paris, Berlin und auch New York. Erfährt von Neid und Missgunst
innerhalb einer Randgruppe, die letztlich eine Randgruppe in der
Minderheit der Homosexuellen ist. Frau Haag plaudert über
Begegnungen mit Prominenten wie Mick Jagger und den Stones, Josephine
Baker, Marlene Dietrich, Udo Lindenberg, Freddy Mercury, Amanda
Lear, Desiree Nick und anderen. Sie spricht über ihren Erfolg
als Besitzerin des berühmt berüchtigten Nachtklubs "Chez
Romy Haag" in Berlin und weshalb sie ihn abgegeben hat. Außerdem
verrät sie Details aus ihrem Privatleben: Wie sie von ihrer
Tablettenabhängigkeit loskam. Legt Gedanken in Bezug auf eine
geschlechtsumwandelnde Operation offen. Dazu gibt sie wertvolle
Hinweise und spricht offen und ehrlich über ihre eigenen Gedanken
und Gefühle, die mit diesem Schritt verbunden waren und
warum sie selbst ihn erst verhältnismäßig spät
machte. Nicht zuletzt ist die Beziehung mit David Bowie Thema oder
der erste Sex, den sie als "richtige" Frau erlebte.
Selten
wurde über das Thema Transsexualität so offen
gesprochen. Dabei gelingt es Frau Haag, in Zusammenarbeit mit Martin
Schacht, stets die eigene Würde zu wahren sowie die Ereignisse
zu schildern, ohne anstößig oder verletzend zu werden.
Wer bloße Effekthascherei und Zickenauftritte erwartet, dürfte
bei der Lektüre dieses Buches enttäuscht werden, denn
dies ist die Geschichte einer Frau, die ihren Weg konsequent aber
jedem gegenüber diplomatisch, gegangen ist.
Obwohl einige Passagen
etwas märchenhaft anmuten, zum Beispiel
ihre Begegnung mit Onassis, sollte das Buch Menschen, die im falschen
Körper stecken, auf jeden Fall Mut machen, sich zu ihrem Leben
zu bekennen und, frei von der Meinung anderer, das Beste daraus
zu machen! "Unsere Kraft liegt im Hier und Jetzt. Heute ist
die einzige Zeit, die es für uns wirklich gibt." Ist
der Schlusssatz. Ich möchte hinzufügen: So lebe dein
Leben, ob es anderen gefällt oder nicht.
Jo-Achim Goike
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Umschlagtext
Leseprobe
Jo-Achim Goike / Literaturkritiken.de, 2. November 2004
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