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Blutadler
Craig Russell
Buch-Kritik
Der
Thriller "Blutadler", das Debüt des schottischen Schriftstellers "Craig
Russell", ist ein ausgesprochen spannendes und fesselndes Buch,
und, das muss auch erwähnt werden, ein Buch, aus dem man so
einiges lernen kann. Der Autor "Craig Russell" hat seine
Hausaufgaben gemacht. Er, der Schotte, kennt Hamburg offenbar so
gut wie seine Westentasche, und beschreibt die einzelnen Stadtteile
ausführlich und wortreich, und erklärt, ebenso ausführlich
und wortreich, sogar ihre Entstehungsgeschichte.
Ich kenne zwar Hamburg
auch, aber einiges davon war auch für mich neu. Außerdem
kennt er die Hierarchie und Entstehungsgeschichte der Hamburger Polizei
ebenso gut, und schildert auch diese ausführlich und wortreich.
Nachdem dieser Thriller ja auf einem Wikinger-Ritual basiert, wird
der geneigte Leser im Laufe der Handlung natürlich ebenso ausführlich
und wortreich über die Wikinger, ihre Gottheiten, ihre diversen
Rituale, ihre Wanderwege, ihre Ausbreitung informiert, und es wird
auch erklärt und beschrieben, welche Völker sie nachhaltig
beeinflusst haben. Wussten Sie z.B., dass ein Stamm der Wikinger
Rus hieß, sich im Gebiet von Russland ansiedelte, und damit
dem Land und den Einwohnern ihren Namen gab? Dank "Craig Russell" und "Blutadler" weiß ich
es jetzt.
Zusätzlich weiß "Craig Russell" offensichtlich
auch alles über die ukrainische Mafia, über alle möglichen
geheimen östlichen Organisationen wie z.B. Speznez, über
die russische Mafia, über Drogendealer, und auch über den
Bundesnachrichtendienst, denn der spielt auch eine ziemlich wichtige
Rolle. Ebenso informiert ist er über Waffen aller Art, vor allen
Dingen über bestimmte, seltene Waffen, die im Tschetschenien-Krieg
Verwendung gefunden haben. Dazu kommt auch noch ein Erzählstrang über
einen ehemaligen Nazi, der mit seinem Sohn irgendwelche undurchsichtigen
Geschäfte mit den Ukrainern macht, es gibt einen abtrünnigen
Polizisten, der dann doch nicht so abtrünnig ist, es gibt einen
britischen Soziopathen, der sich als Womanizer ausgibt, und einen
wahnsinnigen ukrainischen Offizier, dessen Gräueltaten alles
bislang da gewesene übertreffen, und es gibt außerdem
auch noch die türkische Mafia, um nur die wichtigsten Figuren
zu nennen. Und dazu kommen noch jede Menge Leichen, die alle äußerst
unangenehm und drastisch beschrieben gemeuchelt werden. All diese
ungeheuren Mengen an Fakten verknüpft "Craig Russell" in "Blutadler" geschickt
zu einer weit reichenden Geschichte, bei der man manchmal, ob ihrer
Fülle, ein bisschen den Überblick zu verlieren droht. "Craig
Russell" teilt seinen "Blutadler" in drei Teile auf,
und liebt kurze Kapitel, die er wiederum mit genauer Orts- und Zeitangabe überschreibt.
Teil eins beginnt in Hamburg-Pöseldorf, Mittwoch, den 4. Juni,
4.30 Uhr, und endet in Vierlande bei Hamburg, Donnerstag, den 5.
Juni, 14.45 Uhr. Teil zwei beginnt in Hamburg-St.Pauli, Freitag,
den 13, Juni, 1.50 Uhr, und endet in Hamburg-Blankenese, Mittwoch,
18. Juni, 19.00 Uhr. Teil drei beginnt im Hamburger Rathaus, Donnerstag,
19. Juni, 10.20 Uhr, und endet am Außendeich, zwischen Hamburg
und Cuxhaven, Sonntag, 22. Juni, 0.05. Die Geschichte geht aber trotz
der fehlenden Tage immer kontinuierlich weiter. Ein wirklich spannender
und auch sehr informativer Thriller, den man so schnell nicht aus
der Hand legt.
Was mir persönlich aber so ein bisschen abgegangen ist, und
mir das Vergnügen an diesem Buch etwas geschmälert hat,
ist der so genannte "Human Touch". Alle Protagonisten werden
mit einer gewissen kühlen Distanz beschrieben. Ich konnte einfach
nicht z.B. mit dem abtrünnigen Polizisten Klugman mitleiden,
und auch der "englische" Kriminalhauptkommissar Jan Fabel
blieb mir im Grunde genommen fremd. Selbst die Liebesgeschichte des
Kommissars bleibt unterkühlt, und sie muss "Craig Russell" auch
nicht sonderlich am Herzen gelegen haben, denn sie bricht so unvermittelt
ab, wie sie angefangen hat. Man erfährt einfach zu wenig "Persönliches" über
die Figuren, sie bleiben künstlich, sind zu wenig menschlich.
Schade, ansonsten wäre der "Blutadler" von "Craig
Russell" ein Klasse-Thriller geworden und man hätte sich
auf die Fortsetzung - und die ist im Schluss praktisch schon angekündigt
- richtig freuen können. Vielleicht sollte sich "Craig
Russell" mal bei "Thomas Harris" informieren, wie
man selbst einen blutrünstigen Serienkiller und Kannibalen so
schildern kann, dass ihn der Leser sogar sympathisch findet. Oder
bei "Donna Leon", wie man einen Kommissar so beschreibt,
dass der Leser ihn sofort in sein Herz schließt. Vielleicht
hätte "Craig Russell" die Akribie, mit der er auch
die unwichtigsten Schauplätze, die nur ein einziges Mal eine
gewisse Bedeutung haben, beschreibt, lieber auf das Seelenleben und
die Gefühle seiner Hauptdarsteller verwenden sollen.
Julia Edenhofer
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Umschlagtext
Leseprobe
Julia
Edenhofer für Literaturkritiken.de, 30.03.06
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