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Au Pair
Willem Frederik Hermans

 Umschlag Buch-Kritik
 Pfeil Wie ein junges, naives Mädchen aus der niederländischen Provinz versucht, sich in der Weltstadt Paris zurechtzufinden, das erzählt Willem Frederik Hermans in seinem letzten Roman "Au Pair", das der Gustav Kiepenheuer Verlag nun zum ersten Mal in deutscher Übersetzung herausgebracht hat. Es handelt sich um einen beeindruckenden weiblichen Bildungsroman, der dem in den Niederlanden gefeierten Autor zu seinem verdienten postumen Erfolg auch in Deutschland verhelfen sollte.

Pauline will als Au Pair nach Paris und dort Kunstgeschichte und Französisch studieren. Die erste Familie, in die sie gerät, ist eine Katastrophe. Sie muss in einem schäbigen Zimmer auf dem Dachboden schlafen, zusammen mit unzähligen Arabern und Schwarzen, die die ganze Nacht eigenartige Musik hören und der großen Blondine schon bald in eindeutiger Absicht nachstellen. Die Herrschaften, ein Anwaltsehepaar, sind nicht minder eigenartig: Sie öffnen ihr nackt die Tür, unterhalten sich ungezwungen mit ihr, während sie auf der Toilette ihren Durchfall pflegen, und haben einen missratenen Sohn, der sich ebenfalls vor Pauline entblößen will. Nachdem sie von der Hausherrin der Wohnung verwiesen wird, kommt sie in eine neue Familie.
Der Unterschied könnte größer nicht sein: Hier hat sie ein opulentes Zimmer, bekommt neue Kleider geschenkt, wird von vorne bis hinten verwöhnt. Arbeiten muss sie nichts, außer ab und zu dem alten General, der sie angestellt hat, zuhören, wenn er vom Maler Guys spricht, den er verehrt wie keinen zweiten und von dessen Werken er eine stattliche Sammlung besitzt. Pauline lernt den Rest der Familie kennen: den erfolglosen Dichter Armand und seiner Frau, beide Alkoholiker; Armands Bruder Michel, einen erfolglosen Pianisten; und Edouard, den Sohn von Armand, der an der Börse erfolgreich ist. In ihn wird sie sich sogar ein bisschen verlieben.

Eines Tages erfährt Pauline, was den alten General tatsächlich bedrückt: Er ist im Besitz eines Koffers aus dem Zweiten Weltkrieg, der damals einem Juden gehörte, welcher spurlos verschwand. Der General nun sei in der Zwickmühle, denn ob er den Koffer behalte oder ihn dem wahren Erben zuführte, beides Mal könnte er dies nicht mit gutem Gewissen tun. Denn der Erbe scheint der Mörder des Erblassers zu sein.
Die Familie plant nun, den Koffer einer Wohltätigkeitsorganisation zugute kommen zu lassen. Dafür müsste aber jemand als Schmuggler in Erscheinung treten. Pauline überlegt nicht lange: Sie meldet sich sofort freiwillig für die Unternehmung. Sie tut es aus Pflichtbewusstsein, weil sie das Gefühl hat, den anderen etwas zu schulden. Aber anscheinend gab es schon vor ihr einige Au pairs, die diese Aufgabe übernehmen sollten und scheiterten. Pauline gerät immer weiter in die mysteriösen Machenschaften der Familie. Wie es Hermans Art ist, zeigt sich hinter dem persönlichen Schicksal Paulines also ein größeres historisches Bild: Die Judenverfolgung des Dritten Reiches.

Einmal mehr zeigt sich Hermans in "Au pair" als wahrer Erbe Kafkas. Die schrulligen Gestalten, die Pauline begegnen, die zum Teil sinnlosen Gespräche, die sie in ihrer Gegenwart führen sind - trotz aller Tragik und einem nicht enden wollenden Gefühl von unheimlicher Unwirklichkeit - von solcher Komik, dass man immer wieder laut auflacht. Allein die Szene, als Pauline im Hotel bereit ist, ihre Unschuld zu verlieren, und der Erwählte nicht besseres zu tun hat, als über seine Hühneraugen zu lamentieren, ist köstlich.

Sex ist immer wieder ein Thema dieser knapp 500 grandiosen Seiten. Pauline wird aus der Geschichte trotzdem als Jungfrau hervorgehen, unberührt und dennoch gewandelt: Nicht umsonst endet der Roman mit ihrer "Madame Bovary"-Lektüre. Anders als das große Vorbild muss sie sich jedoch nicht das Leben nehmen, jedenfalls noch nicht. Das Bewusstsein aber, von keinem Mann gerettet werden zu müssen, drückt sich ihr in einem wunderbaren Satz aus, der sie als weiblichen Narziss entlarvt: "Es war, als seien ihre Schenkel ineinander verliebt und hätten sich das Versprechen gegeben, immer zusammenzubleiben, geborgen in warmer, gegenseitiger Liebe."
Tina Manske

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Tinas Wertung: 11 von 12

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 Copyright Literaturkritiken.de, September 2003
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