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Au Pair
Willem Frederik Hermans
Wenn
ein Niederländer etwas haben möchte, was sein eigenes Land nicht hervorbringt,
kommt er nicht auf die Idee, dem Mangel selbst abzuhelfen, sondern er sucht
das, was ihm fehlt, in der Fremde.
Und unter den Bewohnern der Provinz Seeland ist diese Haltung vielleicht
noch mehr verbreitet als anderswo.
Das war recht passend in der Kolonialzeit; aber die ist nun vorbei.
Die Neigung, das Land zu verlassen, existiert freilich immer noch.
Paulina beschloss bereits vor ihrer Versetzung in die Abiturklasse, nach
Paris zu gehen und dort Französisch und Kunstgeschichte zu studieren.
Sie war in Vlissingen geboren und hatte dort auch ihre Kindheit und Jugend
verbracht, denn ihr Vater bekleidete ein ziemlich hohes Amt in der Stadtverwaltung.
Ihre Eltern waren nicht wirklich reich, besaßen jedoch seit langem ein Ferienhaus
in Frankreich. Von klein auf verbrachte Paulina dort den Sommer, zusammen
mit den Eltern und dem vier Jahre jüngeren Bruder. So hatte sie ausreichend
Gelegenheit, die französische Sprache recht ordentlich zu lernen.
Paris? Zuerst waren die Eltern mit Paulinas Plan überhaupt nicht einverstanden.
So weit weg? Gab es nicht auch in den Niederlanden ausgezeichnete Universitäten,
an denen man Französisch und Kunstgeschichte studieren konnte?
Wäre es nicht besser, du würdest dich zuerst bei Klara schlau machen?
Klara war eine ältere Cousine Paulinas und hatte kürzlich in Amsterdam nach
sechs Studienjahren die erste Prüfung im Fach Französisch bestanden. Mit
ihrem Freund Rudolf, der ebenfalls studierte, wohnte sie in einem besetzten
Haus. Paulina willigte ein, sich zuerst einmal bei Klara schlau zu machen.
Wie sich herausstellte, war es längst aus zwischen Rudolf und Klara, die
zwar von Rudolf schwanger war, nun jedoch mit Bart-Bram zusammenlebte, einem
vierzigjährigen Linguisten, der seine Frau verlassen hatte. Von morgens
bis abends übte er auf dem Schlagzeug, denn er hatte beschlossen, ein ganz
neues, fetziges Leben als Musiker anzufangen.
Seine Stelle an der Universität hatte er selbstverständlich nicht gekündigt.
Auf das Gehalt konnte er nicht verzichten. Bereits vor Monaten hatte er
sich krankgemeldet (nervöse Überreiztheit). Er leitete deshalb auch nicht
mehr die Übungen in der Sprachwissenschaft, in denen sich die beiden kennen
gelernt hatten und gemeinsam zu der Überzeugung gelangt waren, dass es zwischen
ihnen gewaltig funkte.
Gustav Kiepenheuer
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