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Abgezockt und Totgepflegt - Alltag in deutschen Pflegeheimen
Markus Breitscheidel
Buch-Kritik
Nach
dem Vorwort von Günter Wallraff gibt Herr Breitscheidel einen
kurzen Überblick, wie er überhaupt auf die Idee kam, sein
Leben so radikal zu ändern. Für mich durchaus nachvollziehbar,
denn ich selbst habe vor einigen Jahren den Bürostuhl verlassen,
um als Pflegehelfer in einem Altenheim zu arbeiten.
Im Folgenden gewährt Markus Breitscheidel Einblicke in sein
Tagebuch, das er während seiner Zeit als Pflegehilfskraft geführt
hat. Schon der erste Bericht mutet Uneingeweihten übertrieben
an: Nicht Erfahrung oder Qualifikation in der Pflege sind beim Einstellungsgespräch
interessant, sondern Geschlecht (männlich = Körperkraft),
Personenstand (ledig = flexibel einsetzbar) und Gesundheit (= Belastbarkeit).
Das Haus ist Mitglied des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Bayern,
was auf das Recht auf Chancengleichheit, auf ein Leben in Würde
und der freien Entfaltung der Persönlichkeit schließen
lässt, doch die Wahrheit sieht anders aus: Schon die Einarbeitung
am ersten Arbeitstag verläuft im Trimm-Trab durch diverse Bewohner-Zimmer,
im Eiltempo werden die Bewohner gewaschen und angezogen, um anschließend
in einen recht karg und unpersönlich eingerichteten Raum gebracht
zu werden, wo sie besser kontrolliert werden können. Bessere
Ausstattung (in folgenden Heimen) bedeutet jedoch nicht, dass den
Bewohnern mehr Zeit gewidmet werden kann.
Eingearbeitet wird Herr Breitscheidel von Adnan, einem Arzt aus Bosnien-Herzegowina,
dessen Ausbildung in Deutschland nicht anerkannt wird. Adnan, ebenfalls
als Pflegehelfer eingestellt, wird der Einzige sein, der Herrn Breitscheidel
Einblick in die künftigen Aufgaben als Pflegender gibt, ihm
auch zeigt, wie die Behandlungspflege, die eigentlich nur von examinierten
Kräften durchgeführt werden darf, zu erledigen ist. So
lernt Herr Breitscheidel etwas über die Behandlung von Wunden
und die Handhabung von Ernährungspumpen bei Bewohnern mit Magensonde.
26 Bewohner liegen auf der Station für Schwerstpflegebedürftige,
dem neuen Arbeitsplatz von Herrn Breitscheidel. Die meisten davon
haben die Pflegestufe III, denen, verteilt auf 24 Stunden, fünf
Stunden Pflege zu stehen. Bei Pflegestufe II sind es drei Stunden
verteilt auf einen Tag. Mehr aber nicht!
In dieser Zeit wird die Grundpflege durchgeführt, nämlich
waschen, anziehen, Toilettengänge, rasieren, kämmen, Transfer
vom Bett in den Rollstuhl/Sessel (ggf. mit zwei Pflegepersonen, was
aus Zeitmangel jedoch oft genug versäumt wird), Schutzhosenwechsel,
und Lagerung bei bettlägerigen Bewohnern, damit sie nicht wund
liegen. Zwölf Menschen arbeiten Adnan und Herr Breitscheidel
in dreieinhalb Stunden ab, dann können sie ein paar Minuten
verschnaufen. - Mich würde an dieser Stelle interessieren, ob
sie während
diese Zeit auch noch zur Klingel laufen müssen. Dann folgt Runde
zwei, denn die Bewohner müssen frische Schutzhosen
bekommen und gelagert werden. Am Nachmittag ist Herr Breitscheidel
erledigt.
Auch im Folgenden erwähnt er die Notrufglocke nicht, die für
Pflegende nur allzu oft zur Belastung wird, denn viele alte Menschen
benutzen sie, um "mal eben" ein paar Worte los zu werden,
oder ihre akribischen Gewohnheiten auszuleben: "Ach bitte, stellen
sie die Vase doch eben mal etwas mehr nach links, ich möchte
wissen, ob ich sie dann besser sehen kann." - Doch, doch, das
erlebe ich mehrmals am Tag!.
Es dauert seine Zeit, bis Herr Breitscheidel sich in das Team einfügt.
Nicht durch die Qualität seiner Pflege kann er die Anerkennung
seiner Kollegen erringen, er muss seine Norm erfüllen. Wer für
andere mitarbeiten muss, weil sie nicht fertig werden, ärgert
sich, denn er kann die Qualität seiner eigenen Arbeit nicht
aufrecht erhalten. Auf Seite 30 sind die wichtigsten Zeitkorridore
für die Betreuungsaufgaben aufgelistet. Wieder einmal frage
ich mich, wer sich 20 - 25 Minuten Zeit für eine Ganzkörperwäsche
nehmen kann. Und die Klingel, die den Pflegenden immer wieder wegruft,
bleibt unberücksichtigt.
Herr Breitscheidel beschreibt eine Szene,
in der eine Pflegerin einer Bewohnerin Puddingsuppe gegen deren Willen
einflößt.
In diesem Fall wirklich auf brutalste Weise unwürdig, denn
die Suppe war noch heiß. Im anschließenden Gespräch
entschuldigt sie sich. In dieser Szene spiegelt sich die Handlungsweise
eines überforderten und unter einem Mega-Zeitdruck stehenden
Menschen besonders deutlich. Ob die Frau in der Öffentlichkeit
auf Verständnis hoffen darf, wage ich zu bezweifeln - leider.
Herr
Breitscheidel beschreibt auch den Umgang mit verwirrten Bewohnern,
die zum Verlassen des Hauses neigen; so genannte "Wegläufer".
Die Heime, in denen er gearbeitet hat, haben diese Menschen durch
Sedativa ruhig gestellt, sodass die Gefahr, dass der Bewohner wegläuft,
gebannt war. Unklar bleibt, woher die Medikamente stammten. Bedarfsmedikation?
- Dann wäre - rein rechtlich - nichts einzuwenden. Medikamente
aus Nachlass? - Die dürfen allerdings nicht verwahrt werden.
Außerdem ist das Verabreichen nicht verordneter Medikamente
Pflegenden nicht erlaubt.
Herr Breitscheidel arbeitet in verschiedenen
Heimen, die sich an schlechter Bezahlung des Personals, unwürdiger
Unterbringung der Bewohner (auch Zwei-Bett-Zimmer zähle ich
dazu!) und korruptem Verhalten der jeweiligen Leitung zu übertreffen
scheinen. Das letzte Heim, die Pro-Senioren-Residenz in Berlin-Wilmersdorf,
erscheint dagegen wie ein Paradies: Beim Vorstellungsgespräch
kommt es weder auf seine Belastbarkeit noch auf die "Stückzahl" an,
sondern auf die Pflegequalität, die er zu leisten vermag.
Dieses Haus verfügt über ein Pflegeleitbild, das die
Ziele und Motive des Pflegeteams widerspiegelt.
Hier hat er für sieben Menschen die Verantwortung, wobei er
von mindestens zwei examinierten Kräften unterstützt
wird, denn in diesem Haus wird die Behandlungspflege vom examiniertem
Personal durchgeführt. Die Unterbringung der Bewohner ist
adäquat, wenn auch z. T. in Zweibettzimmern.
Es gibt regelmäßige Mitarbeiterbesprechungen, in denen
jeder Mitarbeiter frei über Probleme sprechen darf, aber auch
jeder gefragt ist, Lösungsvorschläge zu bringen. Er lernt,
dass auch Pflegekräfte eine Frühstückspause
haben können. Dieses Paradies hat aber auch einen stolzen
Preis! Der Normalbürger dürfte sich die Unterbringung
in einem Heim dieses Kalibers wohl kaum leisten können.
Am
Ende des Buches zwei Interviews: Klaus Dörner äußert
sich zur Geschichte der Heime und ruft zu einem Land ganz ohne
Heime auf; Christel Bienstein äußert sich zur Situation
der Pflege in Deutschland. Im Anhang finden sich dann noch viele
Adressen und Literaturhinweise zum Thema.
Mein erster Gedanke, als
ich den Titel des Buches las, war: Schon wieder so ein Machwerk,
das die Pflegenden alle über einen
Kamm schert und den gesamten Berufsstand, als unwirsche, Kaffee
trinkende Brut darstellt. Nach der Lektüre war ich jedoch
aufs angenehmste überrascht, denn auch, wenn die Handelnden
in diesem Buch zuweilen "misshandeln", macht er deutlich,
wie diese Misshandlung zustande kommt, und der "Täter" eher
Gesetzen namens Stress und Überforderung gehorcht, denn den
Zielen von Ethik und Moral.
Endlich hat mal jemand den Mut gefunden, den Arbeitsalltag der
Pflegenden praxisnah darzustellen und sich für die Menschen,
die in Heimen arbeiten, stark zu machen. Meistens wird von Außenstehenden
vergessen, dass die meisten Pflegekräfte ihren Beruf aus Freude
am sozialen Engagement heraus gewählt haben. Sie wollten anderen
Menschen helfen, ihnen den Lebensabend so angenehm wie möglich
gestalten. Diese Vorstellungen jedoch bleiben im Berufsalltag völlig
auf der Strecke, spätestens, seit In-Kraft-Treten der Pflegeversicherung.
Pflegeleistungen müssen dokumentiert werden, Berichte geschrieben,
Protokolle geführt. Die Bürokratie hat Einzug gehalten,
und raubt den Pflegenden die Zeit, sich um die ihnen Anvertrauten
zu kümmern, denn nur das, was dokumentiert ist, wurde auch
durchgeführt.
Qualität steht auf der Fahne, Pflegewissenschaftler arbeiten
ständig an Verbesserungen der Pflege. Bezahlt werden können
diese Verbesserungen schon lange nicht mehr, aber Pflegepersonal
ist geduldig, ausdauernd und zäh, da um den Arbeitsplatz besorgt.
Man kann es reduzieren und die Arbeit auf immer weniger Schultern
verteilen, die sich aus Angst vor weiteren Einschnitten nicht wehren.
Neben den Pflegenden selbst sind die Hauptleidtragenden die Menschen,
die ihnen anvertraut sind. Und bei den Pflegenden herrschen Übermüdung,
schlechtes Gewissen, Selbstzweifel, Unmut, Resignation, ja, sogar
Lebensmüdigkeit.
Markus Breitscheidel macht deutlich: nur zufriedene und ausgeruhte
Pflegende können gute Arbeit und damit gute Pflege leisten.
Jedem, der sich um sein eigenes Alter Gedanken macht, sollte sich
mit dem Inhalt dieses Buches auseinander setzen, auf jeden Fall
aber Angehörige von Heimbewohnern. - Für Pflegende sollte
dieses Buch Pflichtlektüre sein, ebenso wie für die Einrichtungsleitungen,
ganz besonders jedoch für die verantwortlichen Politiker die
allesamt vielleicht ein Vier-Wochen-Probewohnen im Altenheim absolvieren
sollten.
Jo-Achim Goike
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Umschlagtext
Leseprobe
Jo-Achim
Goike für Literaturkritiken.de, 26. November 2005 | |
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