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Verhalten
Thomas Raab
Buch-Kritik
O ist eine Mutter von zwei kleinen Kindern, B und M, und die Frau
eines anerkannten Psychiaters, A, in Wien. Eines Tages wirft sie ihre
beiden Kinder aus dem Hochhaus und springt hinterher. Die Kinder sind
tot, nur O überlebt und wird in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert.
Dort wird sie wenige Wochen später tot im Schnee aufgefunden. Der
Fall ist authentisch, er stand in allen Boulevardblättern der österreichischen
Hauptstadt. Thomas Raab hat den Fall aufgenommen und eine Geschichte
daraus gemacht, die gleichzeitig eine Fallstudie ist. Indem er den
Figuren Buchstaben statt Namen zuschreibt, lässt er die allgemeinen
Züge in dem sehr persönlichen Schicksal deutlich zu Tagezutage treten.
Wie in einer Versuchsanordnung, bei der die Parameter ganz klar vorgegeben
sind: die Temperatur in Wien, die Farbe der Wolken, der Zustand der
politischen Welt (nämlich Frieden, nicht Krieg), will Raab zeigen,
wie es zu den Vorgängen um O kommen konnte.
Die Ehe von A und O war schon länger zerrüttet. Aus einer Patientin-liebt-Arzt-Situation
ist niemals eine gleichberechtigte Beziehung geworden. O, so A, hat einfach
zu große psychische Defizite. "Ich will so wie alle sein, und wer so wie
alle sein will, der ist so wie alle!" sagt sie, aber das ändert nichts.
Sie ist eben nicht so wie alle. Man hat sich fürs Erste getrennt, O wohnt
mit den Kindern in der Wohnung einer Freundin. A dagegen lässt sich von
den Schwestern seines Krankenhauses bewundern. Er, der kunstinteressierte
Bildungsbürger, sieht sich selbst als Metakünstler. Seine Selbstüberhöhung
ist schon für den Leser schwer erträglich - man kann sich vorstellen, dass
eine Frau das nicht lange aushält.
Mittelpunkt des Romans ist ein von Anspielungen gesättigter "Brief vom Vater",
vom Vater Os nämlich (der passender weise auch noch Franz heißt) an seine
Tochter. Darin erklärt er O, dass er sich Sorgen um ihren Lebenswandel mache,
da sie anscheinend ihre Pflichten als Mutter vergesse. Natürlich habe er
bei Y, einem Kollegen As, nachgefragt, und der habe ihm mit "Hysterie" geantwortet.
Am Ende des Briefes teilt Franz seiner Tochter mit, dass er sie entmündigt
habe - natürlich nur zu ihrem Besten. Dieser Brief wirft ein eindeutiges
Licht auf die Umstände, die O zu ihrer Tat veranlassen.
Raab ist ganz eindeutig ein Anhänger der Wiener Schule. Die Sätze werden
ihrem normalen Gerüst entführt und so immer wieder zu reinem Dada. Gewissheiten
gibt es nicht in dieser Prosa, weil der Versuch protokolliert wird, während
er abläuft. "Es wird eine gewöhnliche Geschichte der Gewalt gewesen sein",
das scheint Bezug zu nehmen auf die Schlagzeilen der Regenbogenpresse. Ein
Höhepunkt ist Raabs Beschreibung eines Cafehausbesuches des Paares, bei
dem sie "reden wollen". Was dabei heraus kommt, ist eine ewige Wiederholung
immer gleicher Argumentationsbausteine, die nicht an den Kern des Problems
heranrühren. Am Ende erspart uns Raab die ewigen Wiederholungen ad infinitum
und schreibt einfach "Usw." "'Oh', sagt O, ‚oh'". Sprachloser war auch Ottos
Mops nicht.
Seinen Text durchwirkt Raab mit Zitaten aus der Popmusik, so von den Eels
oder Elvis, dessen "Suspicious Minds" eine geradezu geniale Zusammenfassung
erfährt: "Elvis scheint offenbar unter einer ausweglosen Liebessituation
gelitten zu haben, und jetzt ist er tot." Da hört man den erfahrenen Kognitionsforscher.
Im letzten Abschnitt des Romans spricht O aus ihrer Zelle in der Psychiatrie.
Der Text wird damit fast unverständlich, denn anders als der nüchterne Versuchsbeobachter
spricht sie in einer äußerst intimen und subjektiven Sprache. Ein bisschen
erinnert sie an das Fräulein Else von Schnitzler - langsam träumt sie sich
in den Tod hinein.
Letztlich ist "Verhalten" tatsächlich eine gewöhnliche Geschichte der Gewalt,
die Figuren A und O sind austauschbar und man meint sie schon lange zu kennen.
Aber diese gewöhnliche Geschichte ist auf die ungewöhnlichste Art und Weise
erzählt. Große Literatur im Gewand nüchterner Reduktion.
Tina Manske
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Tropen-Verlag
Literaturkritiken.de, März 2003 | |
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