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Tropen im Tau - Permutation. Anagrammgedichte
Stephan Krass
Buch-Kritik
"Ein Anagramm sucht man nicht, man findet es. Es ist immer schon da.
Es bezeichnet ein poetisches Verfahren, bei dem der Buchstabencorpus
eines Wortes oder einer Zeile zur Bildung eines neuen Wortes oder
einer neuen Zeile verwendet wird, ohne dass ein Buchstabe hinzugefügt
oder weggelassen werden darf. Indem es den Text beim Wort nimmt, deckt
das Anagramm einen Kosmos verschiedener Lesarten auf."
So schreibt Stephan Krass im Nachwort zu seinem neuesten Buch "Tropen im
Tau - Permutation" und bringt damit alle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten
dieser Kunstform auf den Punkt.
Das Anagramm hat eine lange Tradition, am bekanntesten ist es wohl in der
Dada-Bewegung geworden; auch Klaus Theweleit kennt
man als begeisterten Verfechter des Buchstaben-Würfelns. Beim Blättern in
dem schön gemachten Band entsteht der Gedanke: Es scheint einfach, dieses
Anagramme machen. Ein Selbstversuch zeigt allerdings - so einfach ist es
dann doch nicht. Da ein E, das nicht mehr unterzubringen ist, dort ein schmerzlich
vermisstes S, um das letzte Wort zu vervollständigen. Erstaunlich, welche
Bedeutungen da Krass noch den kompliziertesten Begriffen und Phrasen entlockt.
Das ist natürlich Spielerei, aber auch sehr viel mehr als das. Was in den
Worten steckt, Krass macht es sichtbar.
Und es steckt alles dahinter und nichts. Wenn ein Satz wie "Beim nächsten
Wort wird alles anders" zu "Am Stern, wo wir abends Lieder schalten" wird,
werden sich einige Leserstirnen kräuseln.
Wenn dann allerdings aus dem Wittgenstein-Diktum, die Welt sei "Alles was
der Fall ist" die Anagramme "Falls reell was da ist / Alles das will Strafe
/ Lass das Weltall frei" freigelegt werden, stellt sich auf einmal das Glückgefühl
ein, das nur entsteht, wenn Form und Inhalt auf magische Weise zueinander
finden. Zwangsläufig benutzt Krass im Kapitel "Alles was der Fall ist" ausschließlich
Gedichtanfänge von Heiner Müller über Baudelaire bis Benn. Und was man schon
geahnt hat, es beweist sich: Dass nämlich aus genuin schon guten Sätzen
nur gute Anagramme werden können.
Man kommt zu dem Ergebnis, dass die Worte mehr über sich wissen als der
Autor oder der Leser: Wie das bei guter Literatur eben ist.
Tina Manske
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Verlegt im Elfenbein-Verlag
Literaturkritiken.de, Januar 2003 | |
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