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Traumfänger
Marlo Morgan
Buch-Kritik
Die Ich-Erzählerin, eine angesehene amerikanische Ärztin, erhält das
Angebot, ein paar Jahre in Australien zu arbeiten. Sie lässt ihre
Praxis zurück und macht sich auf den Weg nach "down under".
Dort arbeitet sie mit jungen Halbblut-Aborigines und motiviert sie zu gemeinnützigen
Projekten, mit denen sie auch noch Geld verdienen können.
Alles läuft wunderbar, und so ist sie nicht verwundert, als sie eines Tages
zu einem Treffen mit einem Aborigine-Stamm am anderen Ende des Kontinents
gerufen wird. Sie schmeißt sich in ihre besten Sachen, nimmt den nächsten
Flieger und wird am Hotel von einem Aborigine mit dem Jeep abgeholt.
Ihr ist nicht klar, dass dies der Beginn einer langen Reise zu sich selbst
ist. In der Wüste angekommen, werden in einem Ritual des Stammes all ihre
Habseligkeiten verbrannt, und man bedeutet ihr sich einem "Walkabout", einer
Wüstenwanderung von ungefähr drei Monaten Dauer, anzuschließen.
Ihr bleibt keine andere Wahl, denn alleine würde sie nie wieder den Weg
zum Hotel finden. Damit beginnen die wohl intensivsten Monate ihres Lebens.
Von vielen lieb gewonnenen Selbstverständlichkeiten der so genannten "Zivilisierten"
(Joschka Fischer et al.) muss sich die Ich-Erzählerin verabschieden.
So erkennt sie ziemlich schnell, dass es für die Ureinwohner Australiens
keines Telefons oder vernetzter Computer bedarf, um Nachrichten auszutauschen
- Telepathie tut es auch.
Auch die vielfältigen Heilmethoden des Aborigine-Stammes lernt sie kennen,
ebenso wie die Art und Weise, wie hier jeder etwas zum Wohle der Gemeinschaft
beizutragen weiß.
Die verschiedensten Tiere und Pflanzen bieten sich im Laufe des Walkabouts
den Hungernden als Nahrung an - und der verwöhnte Gaumen lernt Ameisen,
Spinnen, Schlangen und Wurzeln als Delikatesse schätzen.
Auch die Kunst der Illusion, des Sich-unsichtbar-machens, ist den Aborigines
ein Leichtes. Schließlich wird ihr die Begegnung mit einem Menschen prophezeit,
mit dem sie schon ihr ganzes Leben in spiritueller Beziehung steht, dem
sie aber erst nach einer Lebenszeit von 50 Jahren gegenüberstehen soll.
Zuvor muss sie allerdings erst lernen, sich als den Aborigines ebenbürtig
zu akzeptieren, um zu einer wirklichen Botschafterin des Stammes werden
zu können.
Was mir das Lesen des Buches etwas verleidete, war der doch zu kindliche
Ton, der die Kapitel durchzieht - ich weiß nicht, ob es an der Übersetzung
liegt oder an der Tatsache, dass Marlo Morgan eben keine Schriftstellerin
ist.
Manchmal kam ich mir vor wie in den Tagebuchaufzeichnungen einer 12-jährigen.
Wer aber fernab von literarischen Hochflügen etwas über die Lebensweise
und -weisheit eines australischen Stammes erfahren will, ist mit "Traumfänger"
bestens bedient.
Einwandfrei auch für den Nachttisch geeignet - einziger Nachtteil: Man fühlt
sich beim Einschlafen ein bisschen dekadent, weil es doch zu schön ist,
im warmen Bettchen zu liegen, weich und kuschelig und ohne Angst vor wilden
Dingos.
Marlo Morgan lässt offen, ob sich wirklich alles so zugetragen hat, wie
sie es im "Traumfänger" beschreibt. Sie nennt die Inhalte des Buches "inspiriert"
von ihren Erlebnissen in Australien. Aber es ist auch zweitrangig, ob das
alles wirklich so war.
Wichtig ist, dass man als Leser die Botschaft zu empfangen versteht, die
Morgan uns nahe legt - dass wir städtischen Menschen uns von der Natur entfernt
haben und diese zwangsläufig zerstören werden, wenn wir nicht lernen, im
Einklang mit allen Geschöpfen dieser Erde zu leben, und dass wir uns öfter
fragen sollten, ob das, was wir tun und lassen, "zum Besten allen Lebens
auf der Welt ist".
Tina Manske
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