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Nie mehr schlafen
Willem Frederik Hermans
Buch-Kritik
Drei Geologie-Studenten brechen auf, um eine Exkursion in die Finnmark
durchzuführen, müssen einige Irrungen und Wirrungen durchleiden, finden
wenig bis nichts, bis sich dann einer von ihnen verläuft und einer
zu Tode stürzt - so könnte man die Ereignisse dieses hervorragenden
Romans zusammenfassen, würde ihm damit jedoch nicht andeutungsweise
gerecht werden.
Das Scheitern tragen diese Figuren allesamt mit sich, von Anfang an: Allen
voran natürlich Alfred, der Protagonist, dessen Vater als Biologe bei einer
Exkursion ums Leben kam und dessen Mutter ihn, Alfred, danach zu ihrem Partnerersatz
und zur Hoffnung auf ein besseres Leben macht. Das genaue Ziel ist vorgegeben:
"Meteoritenkrater finden, Doktorarbeit schreiben, cum laude promovieren,
Evas Freundin heiraten, Professor werden". Alfred will den Tod seines Vaters
ausmerzen, indem er eine bahnbrechenden Entdeckung macht - einen Meteoritenkrater
in der Finnmark. Das Problem ist nur: Alfred hat die Ungeschicklichkeit
vom Vater geerbt, und er weiß das. Auf einem Foto seines Vaters mit Studienkollegen
sind alle Namen der Fotografierten verzeichnet - nur der des Vaters fehlt.
Alfred ist davon getrieben, einmal seinen eigenen Namen unter einem solchen
Foto zu sehen. Dann wäre erreicht, was seine Mutter von ihm erwartet.
Seine Reise in den hohen Norden jedoch gleicht von Beginn an einer Odyssee
von kafkaschen Ausmaßen; für die Luftbilder, die er für seine Untersuchungen
benötigt, reist er von Pontius zu Pilatus, aber scheinbar haben sich alle
gegen ihn verschworen und er erhält die Bilder nie. Auf der Exkursion mit
seinen Freunden Arne, Qvikstad und Mikkelsen empfindet er sich als Außenseiter,
nicht nur, weil er der einzige Niederländer unter Norwegern ist.
Er fühlt sich mehr als Gast denn als gleichwertiger Forscherkollege. Aber
auch Alfreds Kumpel Arne scheint schon fest mit einem Scheitern zu rechnen,
denn er gönnt sich selbst nicht die modernsten Geräte, die man in den Sechzigerjahren,
als der Roman entstand, als Geologie-Student zu benutzen pflegt: Sein Fernglas
ist zerschlissen, durch sein Zeltdach regnet es herein, und das alles nur,
weil er es schrecklich fände, "wenn ich mit dem neuesten Zelt, den teuersten
Instrumenten, der wertvollsten Kamera losziehen würde und hinterher kein
einziges Ergebnis vorweisen könnte, das von Bedeutung ist".
Alfred hingegen ist der klassische Narzisst: Egozentrisch in seiner Sucht
nach dem Ruhm, zernagt von Selbstzweifel und Minderwertigkeitskomplexen,
befindet er sich in einem Zustand kompletter Labilität. Selbst der Unfall,
der einem anderen passiert, wird für Alfred zur Quelle von Opfergefühlen.
Seine Passivität den Planungen der anderen gegenüber macht seine Situation
nicht besser. Hermans spielt in "Nie mehr schlafen" einmal mehr auf der
Klaviatur Wittgensteins: "Hier handelt es sich um einen Fall, wie Wittgenstein
ihn beschreibt; das Verfahren, mit dem man zu einer Erkenntnis gelangt ist,
geht in der Erkenntnis selbst auf. Als ob man sagen würde: Das habe ich
erkannt, nachdem ich starken Kaffee getrunken hatte. Doch mit dem, was man
erkannt hat, hat der Kaffee nichts zu tun." Was also tun, wenn das Ziel,
die Erkenntnis also, möglicherweise niemals erreicht wird? Fällt das Verfahren
dann dem Vergessen anheim? Am Ende hat Alfred zwar einen Meteoriten, aber
keinen Beweis.
Man muss noch einmal dem Gustav Kiepenheuer Verlag danken, dass er diesen
wundervollen Autor wieder aus der Versenkung geholt hat. Ebenso wie in der
"Dunkelkammer des Damokles", das
fünf Jahre früher entstand und das den Protagonisten an die Grenze zwischen
Wahrheit und existenzieller Bedrohung führte, schafft es Hermans auch hier
wieder, den Leser so weit zur Identifikation zu zwingen, dass man sich auch
beinahe als Gast der Expedition fühlen darf.
Tina Manske
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Gustav
Kiepenheuer
Literaturkritiken.de, Februar 2003 | |
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