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Nie mehr schlafen
Willem Frederik Hermans

Nie mehr schlafenSehe ich Arnes Zelt immer noch nicht? Nein, der von Menschenhand gemachte Gegenstand dort ist nicht sein Zelt. Es ist etwas anderes. Froh und ernüchtert zugleich bleibe ich stehen.
Dort steht das Stativ des Theodolits, und der Theodolit ist daraufgeschraubt. Arne muss in der Nähe sein, das steht außer Zweifel. Selbstverständlich ist er hier. Tagelang habe ich mir unnötige Sorgen gemacht. Ich schirme die Augen mit den Händen ab und halte in der Umgebung um den Theodoliten nach Arne Ausschau. Nein, keine Spur von ihm. Auch das Zelt sehe ich nicht. Aber warum bin ich so unruhig? Selbstverständlich führt er gerade Messungen durch und wird gleich zum Vorschein kommen.
Auf das Stativ zuzugehen ist nun so etwas, wie auf ein schlafendes Tier zu schießen.
Verdammt, ich bin müde, aber es war doch nicht umsonst. Alles in allem habe ich mich tapfer geschlagen. Arne ohne Kompass wieder gefunden. Ganz einfach. Genauso einfach wird es sein, wenn ich morgen oder übermorgen vor einem Meteoritenkrater stehe.
Auf die Wurzelstöcke von Polarweiden tretend, wage ich mich ins Moor und gehe auf die Wasserläufe zu. Der Theodolit steht am Fuß des gegenüberliegenden Hanges. Jetzt nicht im letzten Augenblick der Länge nach ins Wasser fallen oder bis zu den Hüften im Morast versinken. Doctor Livingstone, I presume - und große Wasserlachen bildeten sich um seine Füße.
Mir tut vor Lachen der Bauch weh.
Ich überquere die Wasserläufe ohne die geringste Mühe; ich brauche mir nicht mal die Schuhe auszuziehen. Beim Theodolit angelangt, schaue ich mich um, sehe jedoch niemanden. Unwillkürlich halte ich das rechte Auge ans Fernrohr des Messinstruments. Genau im Fadenkreuz sitzt ein Schneehuhn auf dem Hang, auf den das Fernrohr gerichtet ist, schlägt mit den Flügeln, ohne wegzufliegen, pickt etwas auf, verschwindet aus dem Gesichtsfeld.
Zögernd gehe ich zu dem Abschnitt des Hanges, auf den das Fernrohr gerichtet ist.
- He! Arne!
Er liegt auf dem Boden, ganz in meiner Nähe.
- He, du, stammle ich. Er liegt auf dem Rücken, ein Bein angewinkelt, das andere gestreckt. Deutlich sehe ich die glattgewetzte Sohle seines Stiefels, der zudem aufgerissen ist. Arnes Hinterkopf liegt an einem Stein. An dem Stein klebt etwas, das wie gelber Pudding aussieht. Es ist mit Fliegen von einer Sorte übersät, die ich hier bislang noch nicht gesehen habe, groß sind sie und blau. Stahlblau wie die Zeiger einer Pendeluhr.
Arnes Mund ist auf seltsame Art geschlossen, die schlechten Zähne des Oberkiefers ruhen auf der Unterlippe, als hätte er im allerletzten Moment noch Schmerz verbeißen müssen. Sonst ist sein Gesicht genauso, wie ich es gesehen habe, als er schlief: unbegreiflich alt und müde, zerfurcht wie Eichenrinde. Aber das hier ist kein Schlafen.
Es ist: Nie mehr schlafen.
Die Hand vor meinem Mund scheint mich am Weiteratmen hindern zu wollen. Fliegen krabbeln auch über seinen Bart, über die Stirn, über die halb geschlossenen Augen. Jedoch keine einzige Stechmücke.
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