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Narzissmus und Macht
Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik
Hans-Jürgen Wirth

 Narzissmus und Macht Buch-Kritik
Als Motto seines Buches wählt Wirth ein Bibelzitat: "Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?" Die meisten Menschen, die sich als Beruf die Politik ausgesucht haben, scheinen sich diese Frage selten zu stellen - Hauptsache, sie haben schon mal die Welt gewonnen. Mit ihrer Seele stimmt von vornherein sowieso etwas nicht - das ist die These, die Hans-Jürgen Wirth mit seinem Buch "Narzissmus und Macht" zu belegen sucht.
Er hat sich die politischen Lebensläufe von charismatischen Männern (seltsamerweise ist keine Frau dabei, jedenfalls keine Politikerin) angesehen, die es in der Politik zu Macht und Ansehen gebracht haben, und sie psychoanalytisch gedeutet. Dabei sind natürlich Helmut Kohl und Uwe Barschel, aber auch Joschka Fischer und Slobodan Milosevic.

Zunächst zu den Unwägsamkeiten des Buchs: Die Passage über unseren Chefdiplomaten Fischer ist ein wenig kurz geraten, man hätte gern mehr über dessen Entwicklung zum "elder statesman" erfahren; Wirth sieht dieses Defizit sehr wohl selbst und entschuldigt es damit, dass er derselben Generation wie Fischer entstammt und die Gefahr umgehen wollte, als befangen zu gelten und ihm möglicherweise mehr Verständnis entgegen zu bringen als den anderen. Gegenübertragungen, so Wirth, sind in solch einer Studie ohnehin schwer zu vermeiden.
Insgesamt ist der Autor ein wenig zu "Spiegel"-hörig: Immer wieder wird das große deutsche Wochenmagazin als Quelle hinzugezogen, sodass man sich fragt, ob er nicht besser noch andere Periodika anführen hätte sollen. Die Auswahl ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass der "Spiegel" eine leicht zu recherchierende Datenbank besitzt.
Die Literaturverweise stimmen ärgerlicherweise teilweise nicht mit dem Literaturverzeichnis überein. So sucht man vergeblich eine Publikation Luhmanns aus dem Jahr 1994, wie im Text behauptet. Die deutsche Vereinigung fand dagegen 1998 statt - ein Zahlendreher, gewiss, aber doch ärgerlich. Den größten Bock aber schießt Wirth auf Seite 320 ab, wo er behauptet, der Mord an Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo 1914 hätte den "Zweiten Weltkrieg" ausgelöst. Da wäre er ein Vierteljahrhundert zu früh dran gewesen.

Diese Fehler und Versäumnisse werden aber mehr als gutgemacht von den interessant zu lesenden Biografien der betreffenden Politiker. Es wird schnell klar, wie sich hier persönliche psychische Dispositionen zum Willen zur Macht kristallisieren, und wie diese Macht, einmal erreicht, die narzisstische Wunde immer noch mehr vergrößert. Ein Teufelskreis, wenn man so will, aus Minderwertigkeitskomplex, Selbstüberhöhung, Realitätsverlust, Allmachtsfantasie.
Es ist kein Zufall, dass sich gerade solche Menschen in die höchsten Höhen der politischen Macht emporarbeiten, die diese am wenigsten ohne größeren seelischen Schaden aushalten können, oder mit anderen Worten: Nicht die Macht allein korrumpiert die Menschen - nur korrumpierte Menschen werden zu Machthabern.

Ein großes Verdienst von Wirths Buch ist es, Hannelore Kohl aus dem Schatten ihres Mannes treten zu lassen. Wirth lässt den Leser nicht im Zweifel darüber, dass er Resignation als den wahren Grund für ihren Selbstmord ansieht - nicht die vorgeschobene Lichtallergie. Resigniert war Hannelore Kohl über ihre verfehlte Ehe, in der nur der Mann zählte, nur der Minister, nur der Kanzler, nur der "Ehrenbürger Europas": Wie der Ex-Bundeskanzler seine Frau selbst noch bei der Trauerfeier zu ihrem Tod annektierte und seinem eigenen Leben unterordnete - das ist in der Rückschau nicht minder bitter und nicht weniger eine moralische Bankrotterklärung Kohls als es damals war.
Ebenso wie die Ehefrau Uwe Barschels hatte Hannelore Kohl nie eine Chance, gegen die Macht ihres Mannes zu bestehen - dies wohl ein Standardmodell einer politischen Ehe.
Tina Manske

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