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Die Menschenfabrik
Oscar Panizza
Buch-Kritik
Ein anonymer Wanderer sucht Schutz vor einem aufziehenden Sturm bei
einbrechender Dunkelheit. Das Haus, dessen Tür sich für ihn öffnet,
stellt sich allerdings als Schrecken erregender heraus, als es die
stürmische Nacht draußen jemals sein kann - es beinhaltet eine Menschenfabrik.
"Wir machen Menschen, wie man Brot macht", erklärt der Fabrikant,
der den Wanderer an der Tür empfängt, ungerührt. Er zeigt dem Besucher
die einzelnen Etagen, den Kindergarten für die jüngsten Produktionen,
die verschiedenartigen "Produkte".
Die dort hergestellten Menschen sollen die "alte Rasse" nicht etwa
ersetzen, sondern ihr zu Diensten sein, in ihren Salons sitzen und
sie mit ihrem Anblick erfreuen. Denken müssen sie nicht mehr, "das
haben wir abgeschafft".
Der
Besucher, völlig außer sich von dem, was er zu sehen bekommt, versucht
den Fabrikanten von der Wahnwitzigkeit seiner Unternehmung zu überzeugen.
Prometheus und Pallas Athene sind seine Kronzeugen. Prometheus, der
den Menschen aus Urschlamm erzeugte, und die Göttin Athene, die den
Geist einhauchte. "Was haben SIE, dass Ihnen die göttliche Hilfe entbehren
lässt?" - "Chemie und Physik lässt uns heute über manches hinweg sehen."
Spätestens hier kommt dem Hörer die aktuelle Gentechnikdebatte in
den Sinn. Panizzas Text ist ungeheuer aktuell. Schließlich hat der
Fabrikant sich alle Mühe gegeben, die "neue Menschenrasse" gefällig
zu machen, damit sie ihre Abnehmer findet, ebenso wie auch die Gentechnik
unerwünschtes demnächst noch vor der "Auslieferung" auszuschalten
gedenkt. Die Menschen werden "fixiert", das heißt ihnen ist nur jeweils
ein Gesichtsausdruck für immer eingebrannt (im wahrsten Sinne des
Wortes, denn die Menschen werden im Ofen hergestellt).
Die Abscheu des Wanderers scheint sich in Liebe zu verwandeln, als er ein
junges "Mädchen" sieht, dass ihn mit ihren blauen Augen anblickt. Doch auch
ihre Schamesröte ist nur technisch produziert. Und wozu das alles? "Wir
verkaufen sie. Zu was wäre die Fabrik da?" Eine Menschenfabrik als Vorreiter
der heutigen New Economy.
Oskar Panizza lebte von 1853 bis 1921, die letzten Jahre in einer psychiatrischen
Anstalt. Bereits zu seinen Lebzeiten wurde er verhöhnt und entmündigt, die
Nazis vereinnahmten ihn als Antisemiten, indem sie ihn einfach missverstanden.
Auch posthum wurde er erst in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts wieder
rezipiert. "Die Menschenfabrik" zeigt, welches Potenzial hier missachtet
wurde.
Trotz aller Düsternis und allem Horror überzeugt die Produktion unter der
Regie von Christoph Kalkowski doch vor allem auch durch ihren Humor (auch
darin ist Panizza Kafka verwandt): Köstlich, wenn der Besucher der Fabrik
den Fabrikanten anschreit, was Hegel wohl zu all dem sagen würde, und der
Fabrikant meint, er könne auf Konkurrenten keine Rücksicht nehmen. "WAS??
Konkurrent? Aber Hegel war doch kein FABRIKANT!!" schallt es entsetzt mit
überschlagender Stimme entgegen. "Ach, nicht?" ist die lapidare Antwort.
Die Musik des Kölner Komponisten Schlammpeitziger unterstützt die Erzählung
kongenial. Moderne Elektronikklänge und fabelhafte Melodien geben der Produktion
die entrückte Stimmung, die das Gehörte noch unheimlicher wirken lassen.
Die Sprecher leisten allesamt hervorragende Arbeit und machen das Hörbuch
zu einem echten Erlebnis.
Tina Manske
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Verlegt im Audioverlag
Literaturkritiken.de, Oktober 2002 | |
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