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Mein Jahrtausend
Heiner Link

Heiner Link: Mein JahrtausendBuch-Kritik
Hoppla, kaum drei Stunden in der Hand und schon auf der letzten Seite angekommen? Tja, so kann es gehen, wenn man es mit dem neuen Buch von Heiner Link, betitelt "Mein Jahrhundert" zu tun hat.
Mehr Kurzweiligkeit war selten, jedenfalls was die Bucherscheinungen in diesem Frühjahr angeht. Mehr als einmal erinnert Links Schreibweise, sein Humor, sein Zynismus und seine Art, den Menschen auf ihren Kram zu blicken, an den ansonsten ziemlich unerreichten Max Goldt. Besonders der erste Teil des Buchs, betitelt "Album", teilt auch Goldts Vorliebe für die Verquickung von Bild und Text.
Da reizt ein verschwommenes Foto einer Dame mit Zigarette an einem Kneipentisch (?) den Autor zu der lapidaren Erkenntnis: "Zu viel Mariacron wirkt sich auf die Sehschärfe aus." (Und Alkohol in jeglicher Form, so könnte man eine Erkenntnis aus der Lektüre formulieren, gehört zum täglichen Brot der schreibenden Zunft.) Oder der Schriftsteller als junger Mann, 1974, bei der Konfirmation im Pasinger "Gasthof zur Post", lächelnd in die Kamera blickend, wozu Link 25 Jahre später vermerkt: "Wer da alles auf meine Kosten ein Weißbier getrunken hat, ist mir heute nicht mehr vollständig in Erinnerung."

Für Münchner Leser kommt der Vorteil hinzu, dass sie so manche "Location" wieder erkennen, sei es der SPAR-Markt um die Ecke oder das eben erwähnte Wirtshaus, aber das ist nebensächlich: Links gewieftes Parlando, das er ganz locker aus dem Handgelenk zu schütteln scheint, bringt Weisheiten und Wahrheiten auf den Kneipentisch, die nun wirklich jeder, der sich in diesem Deutschland etwas kritischen Grips bewahrt hat, nachvollziehen kann. Angst vor Belanglosigkeiten gibt es bei Link nicht.

Aber nicht nur Heiner Link selbst, sondern auch der Rest der Familie scheint einen Sinn fürs Hintergründige zu haben. Urkomisch das Fax, das Link von seiner Tochter bekommt, als er auf der Buchmesse weilt, und das die Müdigkeit der Schreiberin lautstark in den Text mit einbezieht: "Haaaaaaallo Papa (falls du noch wach bist) (...) Ich jedenfalls bin gerade noch wach genug, um dir (schnorchel!) dieses Fax zu schreiben. Währe (Ratzepfüüi!) beinah in's Bett gegangen (Seufz!) (...)" Link behauptet im Nachwort steif und fest, dass das Fax nicht getürkt ist - aber eigentlich ist das auch egal, soviel Einfühlung in kindliche Erlebniswelten möchte man Link schon zutrauen.

Besonders die leidgeprüfte Existenz des schreibenden Menschen ist immer wieder gern angeschnittenes Thema, vor allem auch im zweiten Teil des Buchs, in der Dokumentation des kollegialen Austauschs, den Link in den Jahren 1999/2000 mit seinen Schriftsteller-Freunden Georg M. Oswald, Helmut Krausser und Norbert Niemann auf einer recht gut besuchten Website geführt hat - und besonders Oswald steht ihm in Sachen präziser Alltagsbeobachtung und tiefgründiger Leichtigkeit in nichts nach. Wo anders kann man zum Beispiel die Auseinandersetzung über die Spritzkraft des männlichen Penis im Vergleich mit einem herkömmlichen Seifenspender verfolgen?

Nach drei Stunden Lektüre kann es also schon mal sein, dass das Grinsen auf dem Gesicht nicht so recht weichen will - ein Schnell-Besuch bei den von Link beschriebenen vergrämten Rentnern im Wienerwald kann da Abhilfe schaffen.
Tina Manske

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