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Ein Löffel in der Luft
Christine Rinderknecht
Buch-Kritik
Eine Kindheit in der Schweiz Ende der 50er-Jahre. Der Löffel bleibt
in der Luft stehen, als der große Bruder Severin der Ich-Erzählerin
Anna, damals drei Jahre und vier Monate alt, bei einem Autounfall
ums Leben kommt. Ab da wird alles anders, ab da stellt sich Erinnerung
ein: "An diesem Tag blieben die Bilder stehen." Wie zum Beispiel das
Bild eines beim Abendessen zum Mund geführten Löffels. Die Eltern
werden zu Puppen, das Haus zu einem Puppenhaus. Alles scheint unwirklich.
Die Mutter "hat die Psyche", man muss sehr sensibel mit ihr umgehen.
Aus der Nachbarschaft ist zu hören, sie sei selbst Schuld am Tod ihres
Kindes - schließlich schickt man ein Kleinkind nicht ungestraft allein
zum Einkaufen, wenn man zu faul ist, selbst zu gehen. Die Nachkriegsjahre
sind von ihren ganz eigentlichen Befindlichkeiten geprägt. Die Gesellschaft
strebt nach oben, der Kampf von Städtern gegen Bauern wird härter
- man sieht sich gegenseitig mit Misstrauen, ganz besonders in solch
einem Fall.
Die Mutter, psychisch nicht mehr belastbar, flüchtet sich in Vorwürfe an
den Vater. Man hätte ein anderes Haus bauen sollen, man hätte eine Garage
einplanen sollen - die verzweifelte Frage dahinter lautet aber einfach nur:
Wie soll ich mit dem Tod meines Kindes klarkommen? Anna meint, eine Lösung
gefunden zu haben: Es muss noch ein Kind her. Und tatsächlich wird ein "Ersatzkind",
Thomi, geboren, und Anna weiß allein, dass sie selbst den Körper der Mutter
in dieser Nacht auf Empfängnis gestellt hat. Das sieht sie als persönlichen
Triumph an.
Das klingt in der Zusammenfassung sehr trocken und problembehaftet, aber
gerade das ist das Buch nicht. Christine Rinderknecht erzählt die Geschichte
einer Jugend lakonisch und witzig aus der Sicht von Anna, die schielend
und von Asthma geplagt, die Entwicklung ihrer Familie protokolliert. Gleichzeitig
aber schreibt sie eine exemplarische Geschichte aus der Nachkriegszeit,
als das spießige Kleinbürgertum wieder nach oben strebte. "Ein Löffel in
der Luft" ist eine Erzählung über eine Jugend zwischen gräulichen Tapeten,
dem kalten Krieg der Nachbarn und dem selbstverständlichen Patriarchat.
Sie könnte so oder so ähnlich auch in Deutschland stattgefunden haben.
Am Ende geht Anna nach Frankreich, wird zum gemäßigten Hippie, erlebt eine
unspektakuläre Liebesnacht und beschließt, alles aufzuschreiben ab dem Moment,
der für sie alles veränderte. Der Moment, als der Löffel in der Luft stehen
blieb.
Tina Manske
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Pendo
Literaturkritiken.de, März 2003 | |
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