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Ich lass mich nicht behindern Gerald Metroz aufgezeichnet von Jacques
Briod
Buch-Kritik
Ein provokanter Titel mit einem provokanten Umschlagfoto. Ein Buch
von einem Behinderten für Behinderte? Mitnichten. Das Buch erzählt
gelebtes Leben und ist für jedermann lesenswert. Es überrascht mit
Offenheit, Tiefgang und Lebensfreude.
Gerald
Metroz verlor im Alter von zwei Jahren seine Beine als er beim Spielen unter einen
fahrenden Zug geriet.
Heute sagt er, dass er seine Beine nicht mehr wollte, eröffnete sich die
Möglichkeit sie zurückzubekommen. Bis dahin hat es aber auch ganz andere
Zeiten gegeben. Zeiten zu denen Gerald Metroz das Fehlen seiner Beine bestmöglich
kaschierte und auf Prothesen lief. So musste er sein Studium aufgeben, weil
er auf Dauer die langen Wege nicht auf Prothesen laufen konnte. Auf die
Idee, auf einen Rollstuhl umzusatteln, kam er nicht. Es waren Jahre in denen
er lernte sich selbst so zu akzeptieren wie er ist.
Nicht normal zu sein im Sinne der Norm ist in der heutigen Gesellschaft
immer noch schwierig. Das Buch beschreibt einige Reaktionen die von Abscheu
und Unverständnis erzählen. Jacques Briod, der das Buch aufzeichnete sagt
dazu:
"Ich musste zugeben, dass einem Geralds Beine förmlich ins Auge sprangen.
Aber diese unwirkliche Abwesenheit wurde durch Geralds Präsenz überdeckt.
Und so bin ich auf ihn zugegangen."
Sehr interessant ist auch die Reaktion einer alten Frau, die dem Mann im
Rollstuhl ein Almosen zustecken wollte, aber am Rollstuhl keine Spendendose
fand. Also wandte sie sich beleidigt ab - weil sie ihr unverlangtes Almosen
nicht geben konnte. Wie die Frau wohl reagiert hätte, hätte jemand versucht
ihr ein Almosen zuzustecken auf Grund ihres Alters?
Wie häufig auch das moderne Europa Menschen in Rollstühlen ausgrenzt schildert
das folgende Beispiel: Für einen "normalen" Zweibeiner ist der Besuch einer
öffentlichen Toilette oftmals schon ein steiniger Weg. Für Gerald Metroz,
dessen Rollstuhl nicht durch manche Eingangstüren passt, wird dann der Toilettengang
zur Herausforderung, denn er muss sich auf Händen über den Boden bewegen.
Mich erinnerte das an die Schilderung einer Rollstuhlfahrerin die im Schwimmbad
nicht auf die Toilette fahren konnte, wegen einer zu schmalen Tür. Ihr Zivi
hatte sie unter der Dusche aus dem Rollstuhl gehoben damit sie unter der
Dusche urinieren konnte.
Die Frau, und ihre Schwester, litten an Muskelschwund. Beide waren auf eine
24-stündige Betreuung angewiesen. Ich wunderte mich damals über die Lebensfreude
und den Humor der Schwestern.
Eine ähnliche Lebensfreude, ein Mut zum Leben, spricht aus dem Buch "Ich
lass mich nicht behindern". Niemand ist ein Trauerkloß weil er im Rollstuhl
sitzt. Entscheidend ist die innere Einstellung. Freiheit scheint sich weniger
durch Lebensumstände zu bedingen, als vielmehr eine innere Einstellung zu
sein.
Gerald Metroz spart in seinem Buch keinen Bereich seines Lebens aus. Er
spricht offen über seinen Beruf, Beziehungen, Gesundheit und Sexualität.
Wer wusste schon, dass bei vielen Rollstuhlfahrern die rechte Körperhälfte
überbelastet wird, dass es zu Abnutzungen kommt und Rollstuhlfahrer oftmals
unter chronischen Schmerzen leiden, ihre Toleranzschwelle für Schmerzen
aber höher ist als bei den meisten anderen Menschen?
Bei ihmm fordern neun Jahre als Profi-Behinderten-Tennisspieler zusätzlich
ihren Tribut.
An vielen Stellen gäbe das Buch Anlass zu Selbstmitleid und Gerald Metroz
gesteht ein, Mitleid in seiner Jugend gezielt als Mittel eingesetzt zu haben.
Wer mag einem Behinderten schon eine Bitte abschlagen? Diese Zeiten sind
vorbei und er spricht ganz offen darüber.
Das Buch zielt nicht darauf ab Verständnis zu erwecken oder Mitleid zu erregen,
sondern konzentriert sich auf die Schilderung dessen was ist.
"Ich lass mich nicht behindern" gibt erlebtes Leben wieder, worin die Stärke
des Buches liegt. Ein wenig tiefer hätte das Leben von Gerald Metroz dennoch
ausgelotet werden dürfen; statt die Tür zu seinem Leben nur einen Spalt
zu öffnen, hätte er die Tür ruhig wirklich öffnen können. Der Inhalt und
somit das Thema des Buches hätten auch einen tieferen Einblick und eine
weitere Auslotung des Ganzen getragen.
Das empfehlenswerte Buch wird mit einem Fototeil bestehend aus zwei Dutzend
Schwarzweißfotos ergänzt.
Thomas Maiwald
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Verlegt bei
Scherz
Literaturkritiken.de, Juli 2002
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