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Ich lass mich nicht behindern Gerald Metroz aufgezeichnet von Jacques
Briod Der
kleine Krüppel von Sembrancher Nachdem ich einige Wochen nach meinem
Unfall aus dem Krankenhaus in Martigny entlassen worden war, wurde ich zu einer
Art Attraktion, zu einem unfreiwilligen Star, zum Star meiner Familie, Star meiner
Gegend. Ich hatte alles, um die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, um Mitgefühl
oder Mitleid zu erregen. Die Freunde der Familie, die Cousins und Cousinen
und natürlich allerlei Neugierige wollten mich sehen. Aber das war nicht
alles. Ein kleiner Junge, der von einem Zug überfahren und von diesem sechsundsechzig
Tonnen schweren Koloss fünfzig Meter weit mitgeschleift wurde und der schlussendlich
mit nur zwei abgetrennten Beinen überlebte, das interessierte die Medien. Die
Journalisten von Presse, Rundfunk und Fernsehen belagerten meine Eltern und Geschwister
für Reportagen, die oftmals rührselig waren. "Blick", die größte schweizerische
Tageszeitung, die in Zürich in deutscher Sprache erscheint, machte das ganze Land
auf meinen Unfall aufmerksam. Dann kamen andere Zeitungen hinzu, lokale, regionale,
überregionale, Radio- und Fernsehsender. Alle interessierten sich leidenschaftlich
für meinen Fall. "Blick" organisierte eine große Sammelaktion für mich. Die
Zeitung forderte ihre Abonnenten auf, dass jeder einen Franken für mich spenden
sollte: "Geld spenden für jemanden, der offensichtlich einen schlechten Start
ins Leben hat." Heute mache ich niemandem mehr einen Vorwurf daraus, mir einen
Almosen gegeben zu haben, denn es stand keine schlechte Absicht dahinter, nur
eine gewisse Ungeschicklichkeit. Die Medien wussten auch von der legendären
Solidarität, die unter Eisenbahnern herrscht, zu denen mein Vater ja gehörte.
Also haben sie meine Geschichte im ganzen Land und in ganz Europa verbreitet,
bis in osteuropäische Länder und nach Nordamerika. Wir bekamen von überall her
Post, in allen Sprachen. Ich kann mir gut vorstellen, was für ein Chaos mein
Unfall im Leben meiner Familie hervorgerufen haben muss. Ein Zug fährt vorbei
und schon sind meine Eltern auf die Titelseiten der Zeitungen katapultiert, werden
im Radio interviewt und gefilmt; ihr Leben wurde innerhalb von wenigen Stunden
auf den Kopf gestellt. Sie haben diese Invasion so gut es ging überstanden. Eben
wie Leute aus bescheidenen Verhältnissen, die nicht wissen, wie ihnen geschieht,
wenn plötzlich eine Horde von Journalisten in ihrem friedlichen Bergdorf Sembrancher
auftaucht und ihren Sohn als unglücklichen Helden, als Opfer darstellt. Ich
glaube, meine Mutter hat unter alldem sehr gelitten. Sie wünschte sich sicher,
dass ihr Sohn weniger berühmt wäre, und wenn, dann zumindest nicht aus diesem
Grund. Ich sehe die Bilder noch vor mir, meine Mutter den Tränen nahe, vor einer
Fernsehkamera. Sie hat sich bestimmt gefragt, was für ein fürchterlicher Sturm
über ihr Leben hinweggefegt war.
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