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Grand Tour
oder die Nacht der großen Complication
Steffen Kopetzky
Buch-Kritik
Da hat sich jemand viel vorgenommen: mindestens ein Roman von barocker
Größe, mit mindestens 72.000 Haupt- und Nebenfiguren und mit der Präsentation
von universalem Brockhauswissen des Autors sollte es schon sein. Also
hat Steffen Kopetzky, seines Zeichens Kolumnist unter anderem bei
der altehrwürdigen ZEIT und umtriebiger Rundfunk- und Theaterautor,
einen Roman entworfen, der den Leser auf die Schiene schickt. Wir
verfolgen nämlich den nach alter Bildungsromansitte auf die große
Reise, auf die Grand Tour, geschickten Leo Pardell.
Eigentlich sollte der in Argentinien weilen - so glauben jedenfalls seine
Mutter und seine Jugendliebe Juliane, die Leo auch in diesem Glauben belässt.
Stattdessen verdingt er sich aber als Schlafwagenschaffner auf dem Schienennetz
der europäischen Bahnen. Dabei trifft er auf eine Menge komischer Gestalten:
englische Detektive, bulgarische Frauenhelden mit Bierbauch, russische Beischlafheldinnen,
französische Schmuggler und viele mehr. Es dauert nicht lange, und Leo wird
zur Schlüsselfigur in mehreren parallelen Geschichten - jeder der Beteiligten
scheint auf der Suche nach ihm zu sein, ohne dass er etwas davon weiß.
Während also Pardell in seinen Abteilen junge stubsnäsige Interrailerinnen
verführt, hat eine zweite Hauptfigur ganz andere Probleme: Friedrich Baron
von Reichhausen, reicher Alkoholiker, ist auf der Suche nach der Ziffer
à Grand Complication, eine mythische mechanische Uhr, die dem leidenschaftlichen
Sammler noch fehlt zu seinem Glück. Ihre Mechanik soll Reichhausen in der
Silversternacht 1999/2000 zum einzigen Menschen auf der Welt machen, der
die Jahrtausendanzeige dieser 75 Jahre alten Uhr in Betrieb sieht.
Soviel zum Inhalt, der eine Menge erwarten lässt. Und zugegeben: Kopetzky
mag eine Menge wissen und recherchiert haben - über das Schienennetz von
"TranEuroNacht", über mechanische Uhren, über Argentinien und
Buenos Aires, über Hotels und Bahnhöfe in ganz Europa (von denen er, der
er selbst eine Zeit lang Schlafwagenschaffner war, viele gesehen hat). Aber
er prahlt mit seinem Wissen; dieser Autor, das wird schnell klar, findet
sich selbst ganz ganz toll. Dauernd klopft er sich zwischen den Zeilen auf
die Schulter. Das ist als Tatsache allein ja ok und noch kein Grund, böse
zu werden - manchmal kann Arroganz auch als Ausweis von besonderer Genialität
gelten.
Aber Kopetzky schludert, und das ist nun wirklich unerträglich. Im ersten
Teil des Buchs möchte man ihm diese Nachlässigkeit noch verzeihen. Im zweiten
Teil nimmt sie aber so Überhand, dass es an eine Beleidigung des Lesers
grenzt. Das schlimmste Beispiel will ich kurz skizzieren. Der Leser wird
Zeuge eines Uhrenvergleichs zwischen dem Notebook eines Bahnbürokraten und
Reichhausens wertvoller mechanischer Patek-Uhr. Jeder der beiden ist der
festen Überzeugung, dass seine Uhr genauer geht. "Es ist 21 Uhr 28 Minuten
und 12 Sekunden.", tönt Reichhausen. - "Falsch! (...) Es ist 21 Uhr, 27
Minuten und 45 Sekunden!" brüllt der PC-User. 27 Sekunden Unterschied. Natürlich
muss zwischen den beiden ausgefochten werden, wer die rechte Uhr hat. Also
wartet man auf das Läuten der Kirchenglocken zur vollen Stunde. Und siehe
da: die mechanische Uhr ist genau, "während Lagranges Uhr auf dem Notebook
geduldige 67 Sekunden hinterherbummelte." 67 Sekunden? Wie konnte sie so
schnell 40 Sekunden verlieren? Ganz einfach: durch einen Rechenfehler Kopetzkys,
der von 100 Sekunden pro Minute statt von 60 ausging - ein Fehler, der mir
zuletzt in der Grundschule passiert ist. Woran sich die Frage anschließt,
ob überhaupt jemals ein Lektor "Grand Tour" vor Augen gehabt hat.
Kopetzky bezieht den Großteil seines Humors und seines Vokabulars aus circa
40 Jahre alten Mottenkisten. So kann der Leser durchaus das Gefühl Leos
teilen: "Er hatte eigentlich beabsichtigt gehabt, über diesen charmanten
Gedanken zu grinsen, der seine Ironie direkt aus den Fünfzigerjahren bezog,
aber es gelang ihm nicht." Das denkt man beim Lesen der charmanten Gedankenflüge
Kopetzkys auch oftmals. Wenn Analsex stattfindet, dann wird die betreffende
Frau "sodomisiert". Schwule haben natürlich, haha, einen gesteigerten Verbrauch
an lebenden Hamstern - da lachen wir uns aber mal tot über soviel Ironie.
Kopetzkys Vorstellung einer verstaubten Bürokratie erschöpft sich in der
Platitüde eines strunzdummen Direktors, dessen Büro man nur nach einer detektivischen
Odyssee erreicht und der den ganzen Tag damit beschäftigt ist, seine Unterschrift
zu üben und Brandy zu trinken. Platitüden scheinen überhaupt bei Kopetzky
sehr beliebt, und er hat auch bestimmt eine Menge Groschenkrimis gelesen.
Ein Koffer voller Drogen ist nicht abgeholt worden, und da ein Drogenbote
wohl kaum vergisst, den Stoff in Empfang zu nehmen, "ging man davon aus,
dass er irgendwann vergessen hatte einzuatmen." Das ist Pennäler-Jargon,
der eigentlich unter dem Niveau von Kopetzky sein sollte. Und ein erster
Kuss zwischen der Trickdiebin und dem Aushilfsschaffner gerät gar zu einer
Rosamunde-Pilcher-Imitation. Fast schon niedlich ist es dagegen, dass Kopetzky
schon an die Leser denkt, die seinen bis dahin zum Klassiker avancierten
Roman in fünfzig Jahren lesen werden, wenn er schreibt: "Pardell, der in
den letzten Jahren nur gelegentlich mit Sarah und anderen Freunden ein
zeitgenössisches Brettspiel mit dem Namen "Die Siedler von Catan"
gespielt hatte (...)".
Erst zum Schluss kommt der Verdacht, dass die Nervigkeit dieses Buches auch
auf einer ungeschickten Poetik beruht: Immer wieder steigt Kopetzky in eine
Szene ein, um dann rückblickend zu erzählen, was bis hierher geschehen ist.
Das ist erstens sinnlos, weil nicht von der Handlung motiviert, und zweitens
unnötig angestrengt. Kopetzky mag ein guter Drehbuchautor sein mit einem
Gefühl für die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, aber von Romanen sollte
er in Zukunft die Finger lassen - da fehlt es ihm hinten und vorn.
Tina Manske
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