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Goulds Buch der Fische
Richard Flanagan

Goulds Buch der FischeBuch-Kritik
Sarah Island ist eine Strafkolonie vor der Küste Tasmaniens, südlich von Australien. Wer hier landet im 19. Jahrhundert, dem ist nicht mehr zu helfen, der wird durch die Hölle gehen müssen. Wird gefoltert und gedemütigt werden. Wenn er sich nicht selbst am Schopf aus dem Dreck zieht. Indem er die Welt neu erfindet und ein Fisch wird.
William Buelow Gould, der Held von Flanagans Roman, schafft dieses Kunststück. Zunächst vom Inselarzt dazu angehalten, Bilder von Fischen für eine wissenschaftliche Untersuchung zu malen, wird Gould diese Tätigkeit immer mehr zu seiner zweiten Natur. Sein Schicksal auf der Insel, aber auch das aller anderen Menschen, scheint eng mit dem der Fische verbunden zu sein.

200 Jahre später streift Sid Hammet durch das tasmanische Hobart. Er verdient sein Geld mit dem Fälschen alter Gegenstände, die er naiven amerikanischen Touristen verkauft. In einem kleinen Laden entdeckt er zufällig Goulds Buch der Fische und verfällt seinen Geschichten. Aber was ihm mit den auf alt getrimmten Möbeln gelingt, mit dem Buch gelingt es ihm nicht: Jeder, dem er es zeigt, zweifelt an seiner Echtheit. Je länger Hammet sich mit dem Buch und den Bildern beschäftigt, desto mehr wird Goulds Geschichte auch seine eigene. Sind die beiden möglicherweise ein und dieselbe Person?

 Hingucker Flanagans Buch ist ein Parforce-Ritt. Allein das Umreißen der Handlung ist eine Ding der Unmöglichkeit, weil es nicht nur die Geschichte eines Sträflings im Tasmanien des 19. Jahrhunderts erzählt, sondern noch die verschiedensten Verweise auf die Weltliteratur von Ovid über Sterne bis Kafka enthält und dazu versucht, eine Philosophie anhand von Fischbildern zu entwerfen. Faszinierend schillern diese Theorien in allen Farben, und wenn man meint, eine erwischt zu haben, flutscht sie einem auch schon aus den Fingern.

Eigentlich gibt es mindestens fünf Bücher der Fische: Eines von Gould, enthaltend einzig die Fischbilder, ein weiteres Exemplar von Gould, diesmal mit seinen handgeschriebenen Anmerkungen aus der Zelle, eines, das Hammet aus dem Gedächtnis kopiert, da das Original auf einmal verschwindet, das vierte, das Gould im Angesicht des Todes in seinem Geist neu schreibt - und das Buch, das wir als Leser von Flanagan auf dem Schoß haben und in das wir immer gebannter blicken.
Was ist überhaupt Geschichte, fragen Flanagan/Gould/Hammet: Besteht sie aus Fakten, wie uns die Registratoren und Archivverwalter weismachen wollen, oder besteht sie nicht vielmehr aus den Geschichten, die jeder einzelne Mensch erzählen kann? Und wenn die beiden Versionen am Ende voneinander abweichen, wem schenken wir dann Glauben? Hier bleibt kein Zweifel: Alle drei Autoren, denen wir begegnen, finden die Wahrheit in den Geschichten, nicht in den Fakten. Gould träumt den Traum eines jeden Künstlers, nämlich wahrgenommen und für wahr befunden zu werden, und damit ist er ein Prototyp.

Nebenbei wohnen wir der erstaunlichen Verwandlung des neuen Europas in Vogeldung bei, die großen Fragen des 19. Jahrhunderts über Körpersäfte und Physiognomie werden vor unseren Augen diskutiert und wir erfahren, mit welchen irrsinnigen Projekten das Nova Venezia (das seine Morbidität schon im Namen trägt) der Neuen Welt ausgestattet ist.

"Mein eigentliches Verbrechen war, dass ich die Welt so sah, wie sie ist, und sie als eine Fischwelt malte" sagt Gould einmal, und: "Nirgends gab es Versöhnung, überall Schönheit". Ein Verbrechen wäre es, nicht hinzuhören, wenn Flanagan diese Schönheit vor uns ausbreitet. Denn, so eine weitere Weisheit in diesem von Weisheit so übervollen Buch, "du bist der Fisch, nicht das Netz!"
Tina Manske

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Verlegt im Berlin-Verlag
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