Das Buch  Leseprobe  Einschätzung

Das Gedächtnis des Körpers
Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern
Joachim Bauer

 Das Gedächtnis des Körpers Buch-Kritik
 Pfeil In der Öffentlichkeit scheint sich die Meinung durchzusetzen, dass wir unseren Genen hilflos ausgeliefert sind. Durch Vorbelastungen in der Familie würden die Krankheitsbilder der nachfolgenden Generation vorbestimmt, heißt es. Wenn also zum Beispiel Brustkrebs "in der Familie" liege, dann hätte man wenig Chancen, dem gleichen Schicksal zu entgehen.

Joachim Bauer meldet Zweifel an diesem blinden Glauben an und legt Beweise für die gegenteilige These vor. Zwar gibt es tatsächlich Gene, die als "housekeeping genes" unveränderlich über die Funktionen unseres Körpers wachen. Die große Mehrzahl der Gene allerdings ist durchaus beeinflussbar. Gene können ebenso an- wie auch wieder ausgeschaltet werden. So ist erwiesen, dass Stress das Funktionieren wichtiger Gene blockiert, das Immunsystem schwächt und so zu einem höheren Risiko einer schweren Erkrankung führt. Eine gesunde Lebensführung kann also schlechte Vorzeichen ausgleichen - und umgekehrt kann ungesunder Lebenswandel das Krankheitsrisiko erhöhen (leicht einzusehen, dass, wer zwei Schachteln Zigaretten am Tag wegqualmt, seinem Körper nicht wirklich etwas Gutes tut).
Ganz wichtig dabei sind die Beziehungen des Menschen zu seinesgleichen, sei es in der Partnerschaft oder allgemein - es gibt kaum Situationen, wo wir nicht in Kontakt mit anderen Menschen stehen. Und diese Interaktionen wirken sich auf unseren Körper aus; er erinnert sich sozusagen an frühere Erfahrungen, ob gut oder schlecht, und er prüft danach, ob er es im Augenblick mit einer angenehmen oder einer stressigen Situation zu tun hat.

"Das Gedächtnis des Körpers" erklärt die Funktionen der Gene in einer allgemein verständlichen Sprache. Doch diese Verständlichkeit ist zum Teil mit Ungenauigkeit erkauft. In einigen Angaben bleibt Bauer zu schwammig. So raunt er immer wieder über das limbische System, dem geheimnisvollen Sitz der "emotionalen Intelligenz". Weder geht er näher auf das limbische System ein, noch erklärt er weiter, was er oder man unter emotionaler Intelligenz zu verstehen hat oder wie man diese emotionale Intelligenz erfasst. Dass darüber hinaus die Kategorie der emotionalen Intelligenz nicht unumstritten ist, darauf geht er vorsichtshalber erst gar nicht ein.

Es nimmt sich auch wunderlich aus, dass er bei der Beschreibung von Depressivität von Frauen beispielsweise im Wochenbett mehr als einmal erwähnt, dass diese Frauen "völlig unschuldig" an ihrem Befinden sind. Sicherlich will er damit der Neigung in der Bevölkerung Vorschub leisten, Depression als Wehleidigkeit zu verkennen (Motto: Jetzt lass dich halt nicht so hängen!) und klar machen, dass es sich hierbei um eine ernst zu nehmende Erkrankung handelt, was auch löblich ist, denn die Depression ist in unserer Gesellschaft immer noch stigmatisiert. Seine Formulierung hat trotzdem etwas moralisch gönnerhaftes: (Sie können ja gar nichts dafür. Sind eben schwache Frauen.)
Auch die Wirkung der Beziehung des Säuglings zu seinen engsten Bezugspersonen, die laut Bauer äußerst wichtig für die Entwicklung der Stressresistenz beim Menschen sind, führt für den Autor klar zu einer konservativen Familienpolitik: Für ihn besteht kein Zweifel daran, dass für einen Säugling der Bezug zur Mutter in den ersten Lebensjahren ganz besonders wichtig ist. Tatsächlich ist aber in dieser Frage in der Psychologie und Familienforschung das letzte Wort sicher noch nicht gesprochen.

Fazit: Eine leicht zu lesende Einführung in die Welt der Gene, in der man allerdings nichts unhinterfragt hinnehmen sollte - eben nur eine Einführung.
Tina Manske

 Das Gedächtnis des Körpers  Button Bestellen
Bestellen bei "Amazon.de"

Lesen Sie auch
Umschlagtext
Leseprobe

 Button Links
Verlegt bei Eichborn
 Copyright Literaturkritiken.de, April 2003
Werbung
 Einkaufen bei: Amazon.de
 
 
 
Copyright Texte und Bilder Literaturkritiken.de oder Lizenzgeber, falls angegeben.