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Die Gabe der Seenomaden
Bei den Wassermenschen in Südostasien
Milda Drüke
Buch-Kritik
Seenomaden - Menschen die ihr gesamtes Leben auf dem Meer verbringen?
Das klingt zunächst fast zu phantastisch um wahr zu sein.
Milda Drüke aber lebte mit den Bajos (Seenomaden) auf ihren Hausbooten und
erzählt von ihrem Leben. Ihr Buch ist der Erfahrungsbericht einer Frau die
den Mut aufbrachte als Gast unter fremden Menschen zu leben und sich ihnen
mit Leib und Seele anzuvertrauen.
Die Seenomaden sind ein Volk, dessen Existenz dem Lebenskreislauf
des Meeres vollständig angepasst ist, sie sind Teil des Kreislaufs,
statt sich wie "zivilisierte" Menschen neben oder über die Welt zu
stellen.
Manche ihrer Verhaltensweisen erscheinen dem Leser fremdartig, doch auch
umgekehrt erscheint die Autorin den Seenomaden oft als fremd oder unangenehm.
Sie benimmt sich unwissentlich unhöflich oder verletzt sogar eines der Tabus.
Dieser Tabubruch, dass ein Landmensch einen Seenomaden zurechtweist wird
mit Ausschluss aus der Gemeinschaft geahndet, wobei die Autorin Glück im
Unglück hat. Milda Drüke wurde nicht auf einer einsamen Insel zurückgelassen,
wie es einem Matrosen widerfuhr, sondern bei Freunden kommentarlos abgesetzt.
Erst später erfuhr sie warum.
Milda
Drükes Beschreibungen sind sehr dicht, bildhaft. Immer wieder vermittelt
sie dem Leser das Gefühl an ihrem Abenteuer selbst teilgenommen zu
haben. Ein Leben das auf Gedeih und Verderb von Meer abhängt, denn
das Meer ist alles zugleich: Nahrungslieferant, Weg, Toilette, Waschstelle,
Speisekammer und Abfalleimer (besser gesagt Resteverwerter). Fast
scheint es unglaublich, dass Menschen auf so engem Raum existieren
können.
Das Bild eines Hausbootes auf dem mehrere Menschen dichtgedrängt leben erinnerte
mich spontan an eine Legebatterie für Hühner. Aber Milda Drüke beschreibt
das Boot nie als Gefängnis oder einengend, denn stets begleitet diese Menschen
die Weite des Meere, die vieles zu relativieren scheint.
Für die Bajos alltägliche Situationen können zur Prüfung werden. Dass die
Autorin es nicht vermag Sandwürmer zu essen ist gut nachvollziehbar. Deshalb
leidet sie später an Mangelerscheinungen, denn das Leben auf dem Meer ist
zehrend.
Wenn sie beim Verrichten der Notdurft von einer einheimischen Freundin beobachtet
wird, dann verletzt dies das europäische Schamgefühl, doch für die Bajos
ist es nichts wofür man sich schämen müsste und der Beistand ist ein Zeichen
von Freundschaft.
Ebenso ungewöhnlich scheint es, wenn die Autorin von ihrer Freundin beim
Nacktwaschen beobachtet wird - ihre weiße Haut ist Anlass genug. Die Männer
und Frauen der Bajos zeigen einander nicht nackt, den unbekleideten Schoß
einer Frau zu sehen ist ein Tabu.
Unser Begriff der Zeit scheint nicht zu existieren. Erinnerungen werden
an Ereignissen festgemacht. Das geschah damals als Vater den großen Hai
fing. Auch die Autorin selbst verliert irgendwann das Zeitgefühl und weiß
nicht mehr ob sie bereits Geburtstag hatte. Die Frage der Bajos wie sie
das fühlt ein Jahr älter geworden zu sein, kann sie nicht beantworten. Verständnislosigkeit
herrscht auf beiden Seiten. Wie kann eine Frau alleine ohne Familie und
Kinder reisen? Durch die Luft fliegen? - Geld? Wozu Geld besitzen? Um Dinge
kaufen zu können die nicht ins Boot passen und in einer Hütte gelagert werden
müssen? In einer Hütte leben zu müssen bedeutet unfrei zu sein.
Seenomaden teilen stets alles, was sie besitzen. So etwas wie persönlichen
Besitz kennen sie nicht. Und obgleich es ihnen fremd ist, respektieren sie,
dass die Autorin eine Tasche mit persönlicher Habe besitzt. Es gibt unsichtbare,
unausgesprochene Grenzen die beide Seiten respektieren. Milda Drüke ist
und bleibt ein Gast, was das folgende Zitat anschaulich verdeutlicht:
Ich frage die Männer, wie sie es finden, mich bei ihnen zu sehen. Om Lahali
antwortet: "Wir sehen, dich und sind überrascht, weil du von weit her gekommen
bist. Wir staunen, weil du bei uns sein möchtest und isst, was wir essen.
Wir sehen, dass du höflich bist, dich respektvoll kleidest. Wir fühlen,
dass wir dich ehren. Alle freuen sich, wenn sie dich sehen."
Ein Geschenk der Bajos.
Sind diese Menschen wirklich frei? Die Autorin lässt das Thema Freiheit
und Freisein sanft anklingen ohne die Frage letztendlich zu beantworten.
Was im ersten Moment als absolute Freiheit erscheint, unterliegt doch engen
Grenzen. Menschen die auf sehr engen Booten leben und es dabei vermeiden
sich zufällig zu berühren, sich nicht küssen, bekleidet schlafen und auch
die körperliche Liebe nur bekleidet erleben, die Kinder unter einem Sarong
gebären. Vielleicht ist es lebensnotwendig für Menschen sehr scharfe, enge
Grenzen zu leben, wenn die Umgebung grenzenlos ist? Schade, dass die Autorin
diese Frage nicht behandelt.
Desweiteren fiel mir auf, dass die Seenomaden viel zu rauchen scheinen und
Kaffee über alles lieben. Ist das der einzige Luxus den sie sich gönnen,
oder Suchtverhalten beziehungsweise Kompensation?
Ist es ein Zeichen von Freiheit sich von allen Dingen unabhängig zu machen.
Von materiellen Dingen ebenso wie von Menschen? Ist es ein Zeichen von Freiheit,
Termine nicht einhalten zu wollen oder einhalten zu können? Es könnte auch
eine andere Art von Unfreiheit sein.
Die Unfreiheit sich auf äußere Grenze einzulassen beziehungsweise äußere
Grenzen zu akzeptieren. Es könnte die innere Reaktion von Enge sein, weil
Außen nur Weite herrscht. Das Buch beantwortet diese Fragen nicht. Es ist
ein Reisebericht, keine Studie und ich will nicht sagen, dass das Buch dadurch
abgewertet wird. Ich will damit sagen, es fehlen mir stellenweise bestimmte
Gedanken oder Infragestellungen.
Milda Drüke gibt wenig über sich selbst preis. Sie stellt sich als Werkzeug
ganz und gar in den Dienst der Erzählung. Das enttäuscht ein wenig, denn
gerne hätte ich ein wenig mehr über diese Frau erfahren, die nach Jahren
ihre sichere Existenz aufgibt und sich auf ein derartiges Abenteuer einlässt.
Andererseits ermöglicht ihre sanfte Erzähltechnik ein sehr dichtes Erleben,
fast als wäre der Leser mit an Bord der Hausboote.
Fotos der Autorin wurden für den Einband verwendet und schmücken das Innere
des Buches. Die Fototeile zeigen mehr als zwei Dutzend Farbfotos. Insgesamt
ist "Die Gabe der Seenomaden" ein schön gestaltetes Buch, ein besonders
schönes Stück Literatur.
Thomas Maiwald
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Verlegt bei
Hoffmann und Campe
Literaturkritiken.de, Juli 2002 | |
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