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Endmoränen
Monika Maron
Buch-Kritik
"Moräne die, Geowissenschaften: von Gletschern verfrachtete und abgelagerte
Schuttwälle: Seiten-, Mittel- und Grund-M. Am Ende des Gletschers
häufen sich die Schuttmassen zur Endmoräne."
So der Brockhaus. Eine Endmoräne wäre demnach ein Ort, an dem nichts mehr
passiert, Stillstand, Ende eben. Der ganze dröge Schutt sammelt sich, türmt
sich auf und das war's dann.
Johanna, die Protagonistin in Monika Marons neuestem Roman "Endmoränen",
hat genau dieses Gefühl: Dass sie, eine Frau in ihren Fünfzigern, am Ende
angekommen ist. In der DDR war sie Biografin und hatte sich darauf spezialisiert,
Regimekritisches in ihren Texten zu verstecken, sodass nur aufmerksame Leser
den Aufschrei hatten erkennen können. Diese Fähigkeit ist nun, über zehn
Jahre nach der Wende, obsolet geworden, niemand benötigt sie mehr. Weil
aber diese Fähigkeit Johanna ausgemacht hat, sie dafür lebte, fällt sie
in ein tiefes Loch, nicht schnell, aber dafür umso tiefer. Damals war es
genug, dagegen zu sein und das Dagegensein in einer Biografie zu verstecken,
"und wer sie schrieb, hätte sich der Wichtigkeit seines Tuns, ja, seiner
ganzen Existenz, gewiss sein dürfen." Das ist nun endgültig vorbei.
Und auch ihre Beziehung zum langjährigen Ehemann Achim scheint in einer
Sackgasse angekommen; von ihm sieht sie seit langer Zeit nur noch den Rücken,
wenn er über seinen Kleist-Studien sitzt. Aber was sie früher noch durch
den Schleier der Verliebtheit betrachtete, das Kreuz eines impulsiven Mannes,
der noch dazu ebenso standhaft "dagegen" war wie sie, das kommt ihr jetzt
vor wie der Buckel eines Greises. "Ich vermisse so ein Gefühl, sagte ich,
diese schöne quälende Aufregung, wenn man verliebt ist oder für etwas kämpft,
eine Leidenschaft eben, ja, das ist es: Ich vermisse die Leidenschaft."
Johanna verzieht sich aus Berlin aufs Land, nach Basekow, in eine von Endmoränen
bestimmte Landschaft, wo sie eigentlich ungestört an der Biografie der Friedrich-Geliebten
Wilhelmine Enke arbeiten will. Aber irgendwie ist sie auch in einem Arbeitstief
- sie kann sich nicht vorstellen, wer so etwas überhaupt lesen sollte. In
einer durchwachten Nacht fängt sie an, ihrem Freund Christian P., den sie
schon seit Jahren nicht mehr gesprochen hat, Briefe zu schreiben. Sie sind
das Zeugnis einer Liebe, die nicht stattfand (über einen flüchtigen Kuss
kamen sie nicht hinaus), und Johanna gesteht sich diese Liebe auch nicht
ein. Aber sie bekommt Antwort - und bemerkt, dass auch Christian am Ende
seiner Lebensentwürfe angelangt zu sein scheint. Noch etwas, was sie gemeinsam
haben: "Die Schläfrigkeit ist es."
Das Leben im Dorf hat ebenfalls seine unpathetischen Auswüchse. Da ist die
verwitwete Friedel Wolgast, die sich mit ihrem Nachbarn streitet, der ihr
mit seinem Auto den Rasen zerdrückt, sodass sie eines Tages zur Rächerin
wird; da ist Karoline, die keine Erben hat, dafür aber Flugangst, und deswegen
vor jedem potenziell tödlichen Flug am Aufsetzen des Testaments verzweifelt;
und da ist der arrogante Russe Igor, der Johanna den Weg zurück zur Leidenschaft
ebnet.
Monika Maron zeigt sich einmal mehr als souveräne Beherrscherin des kleinen
Lebens. Wie leise und trotzdem mit wie viel Stolz und Empathie und mit wie
wenig Zynismus und Larmoyanz sie hier vom Älterwerden, vom scheinbaren Überflüssigwerden
schreibt, davon könnten sich einige Jungschriftsteller eine Scheibe abschneiden.
"Der Beruf, die Anzahl der Kinder, der Wohnort, alles ist endgültig. Die
einzige Entscheidung, die uns noch freisteht, ist die Ehescheidung als letzte
mögliche Veränderung. Ich vermute, dass nur darum, weil nichts anderes mehr
geht, so viele Menschen über fünfzig einander verlassen." Um ein Bonmot
von Johannas Freundin Elli abzuwandeln: Bücher, in denen es solche Sätze
gibt, gehören gelesen. Gibt es ein Leben jenseits der Endmoränen? Johanna
findet es in allerletzter Sekunde, es ist ein "wunderlicher Anfang" am Ende,
aber es ist ein Anfang, der auf ein Gelingen hoffen lässt.
Tina Manske
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Verlegt bei
S. Fischer
Literaturkritiken.de, Dezember 2002 | |
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