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Die Dunkelkammer des Damokles
Willem Frederik Hermans
Buch-Kritik
Henri Osewoudt ist das, was man im Allgemeinen einen Außenseiter nennt:
Er ist kleiner als der Rest seiner Klasse, er denkt lieber über Geschichten
nach, statt mit den anderen Kindern der Straßenbahn hinterher zu rennen,
und er muss schon früh eine große Katastrophe in seiner Familie erleben:
Eines Tages tötet Henris Mutter in einem Anfall von Wahnsinn seinen
Vater. Henri wird daraufhin von seinem Onkel Bart erzogen.
Der Roman "Die Dunkelkammer des Damokles" von Willem Frederik Hermans spielt
mitten im Zweiten Weltkrieg, in den von den Deutschen besetzten Niederlanden.
Henri, gerade achtzehn geworden und mit seinem weiblichen, weil bartlosen
Aussehen immer noch der belächelte Außenseiter, übernimmt seiner Mutter
zuliebe den Tabakladen seines Vaters, heiratet seine hässliche Cousine Ria
und würde wohl ein von niemandem beachtetes und durchschnittliches Leben
führen, wenn da nicht eines Tages ein Offizier namens Dorbeck in seinem
Geschäft stehen würde mit der Bitte, ein paar Fotos für ihn zu entwickeln.
Der Fremde ist Henri wie aus dem Gesicht geschnitten - sie gleichen sich
wie Positiv und Negativ desselben Fotos, nur dass Dorbeck genau der Typ
Mann ist, der Henri immer sein wollte, ein strammer, maskuliner Offizier,
ein Held.
Bei den Fotos bleibt es allerdings nicht. Schon bald erhält Henri von dem
Unbekannten, der anscheinend für den Widerstand arbeitet, Mordaufträge,
die er in vollstem Vertrauen an Dorbeck ausführt.
Henri, der bei der Musterung für das Militär als untauglich eingestuft wurde,
ist der tiefen Überzeugung, in diesen Taten sein Lebensziel gefunden zu
haben; für Dorbeck empfindet er fast so etwas wie eine tiefe Liebe. Doch
plötzlich verschwindet Dorbeck spurlos. Alle Versuche Henris, ein Treffen
mit ihm zu arrangieren, schlagen fehl. Die Situation gerät außer Kontrolle,
als die Alliierten nach Kriegsende Henri beschuldigen, als Kollaborateur
für die Deutschen gearbeitet zu haben. Dorbeck ist der einzige, der Henri
helfen könnte, das Missverständnis aufzuklären - aber er bleibt verschwunden.
Ist er möglicherweise ein Hirngespinst Henris?
Die Verstrickungen und atemberaubenden Zufälle, denen Hermans seinen Helden
aussetzt, sind zum Teil einem Plot aus einer Kafka-Erzählung würdig. Ich
muss sagen, dass dies der spannendste Roman war, den ich seit langem gelesen
habe.
In einer einfachen, klaren und nüchternen Sprache geschrieben, die ganz
nah an den Figuren bleibt, hält er den Leser bei der Stange. Bis zum Schluss
bleibt unklar, ob man den Wahrnehmungen des Helden trauen kann.
Es ist ein Glück für die deutschen Leser, dass der Roman von 1958 jetzt
endlich auch auf Deutsch vorliegt.
Ich nehme an, es hat politische Gründe, das die Übersetzung nicht schon
früher erfolgte - das Buch zeichnet schließlich ein von jeglicher Ideologie
und Verklärtheit befreites Bild des Widerstands. Auch das Damoklesschwert
ist eben ein zweischneidiges. Gerade deshalb aber wird es Zeit, dass der
Roman jetzt verstärkt wahrgenommen wird. Er ist Charakterstudie, existenzialistischer
Krimi und Geschichtsthriller in einem.
Tina Manske
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