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Die Dunkelkammer des Damokles
Willem Frederik Hermans

Die Dunkelkammer des Damokles... Tagelang trieb er auf seinem Floß umher, ohne etwas zu trinken. Er war schon fast verdurstet, denn das Wasser des Ozeans war salzig. Er hasste das Wasser, das er nicht trinken konnte. Doch als ein Blitz in das Floß einschlug und es in Brand steckte, schöpfte er das verhasste Wasser mit den Händen und versuchte das Feuer zu löschen!
Der Lehrer begann als erster zu lachen, schließlich lachte die ganze Klasse mit.
Dann läutete es. Die Kinder standen von ihren Bänken auf. Henri Osewoudt war einen halben Kopf kleiner als die anderen Jungen. Im Gänsemarsch gingen sie durch den Korridor, und als sie das Schulhaus verlassen hatten, rannten sie los.
Während er noch über die Geschichte des Lehrers nachdachte, kam eine blaue Straßenbahn angefahren und trennte Osewoudt von den anderen Kindern. Er gab sich keine Mühe, sie einzuholen, als die Tram vorbei war. Sein Blick fiel auf das Schild
ÜBERHOLEN VERBOTEN,
das er jeden Tag las, wenn er aus der Schule kam. Es steht am Anfang der schmalen Hauptstraße von Voorschoten. Die Straße ist so schmal, dass die Gleise der Straßenbahn aufeinander zukriechen und sich übereinander legen. Nie können zwei Bahnen in der Dorfmitte aneinander vorbeifahren.

Der Tabakladen von Osewoudts Vater lag am Ende des Dorfs, unweit der Stelle, an der sich die Gleise wieder voneinander entfernen. Als Osewoudt auf der Höhe der evangelischen Schule war, erblickte er einen Menschenauflauf vor der Ladentür. Eine große Gruppe von Nachbarn, die gestikulierten, laut redeten und hin und wieder in den Laden schielten. Auch zwei Polizisten standen dabei.
Der Drogist Turlings bemerkte Osewoudt, löste sich aus der Gruppe und kam auf ihn zu.
- Gib mir schnell die Hand, Henri! Du musst mit mir kommen! Du kannst nicht nach Hause! Ein Unglück ist geschehen, ein furchtbares Unglück! Osewouldt sagte nichts, gab ihm die Hand und ließ sich mitziehen. Die Leute versperrten fast die ganze Straße. Turlings zerrte ihn so schnell hinter sich her, dass er nicht verstehen konnte, was sie sagten, obwohl er genau wusste, dass es um ihn ging.
- Ist Mutter etwas zugestoßen?
- Ach Junge, es ist zu entsetzlich, um darüber zu reden! Du wirst es später noch erfahren. Ein schreckliches Unglück!
- Ist Vater tot?
- Junge, wie wagst du es, so etwas zu fragen. Es ist furchtbar! Furchtbar!

Turlings Drogerie war direkt an der Tramhaltestelle, schräg gegenüber vom Tabakladen. Osewoudt schaute sich um, sah aber nur die Leute und ein Schild ÜBERHOLEN VERBOTEN, das gleiche Schild wie am anderen Ende des Dorfs. Sie gingen hinein, und der Drogist brauchte Osewoudt in das Zimmer hinter dem Laden. Die Frau des Drogisten trug einen weißen Laborkittel. Sie eilte auf ihn zu.
- Ach, du armer Junge! Was für ein schreckliches Unglück! Sie küsste ihn auf den Kopf, holte eine Rolle Lakritz für ihn aus dem Laden und setzte ihn auf einen Stuhl beim Ofen, der nicht geheizt war. Sogar im Wohnzimmer roch es nach Hustenpastillen und Waschleder.
- Es ist schrecklich! Wie kann man nur so etwas tun! Armer Junge! Armer, armer Junge! Osewoudt nahm ein Lakritz aus der Rolle.
- Hat Mutter es getan?
- Hat man da noch Worte! Woher weiß er das! ... sagte die Frau zum Drogisten. Er weint nicht mal!
Turlings beugte sich über Osewoudt und sagte: Bald kommt dein Onkel und holt dich ab. Dann darfst du mit nach Amsterdam.
Er ging in den Laden und telefonierte.
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