|
  
Denn wir sind anders
Die Geschichte des Felix S.
Jana Simon
Buch-Kritik
Das Leben, das Jana Simon aufzeichnet, klingt fast wie die Vorlage
zu einem Drehbuch: Felix S., Mulatte, aufgewachsen in Berlin Ost,
Scheidungskind, Großeltern aus Südafrika geflohen, erlebt die Wirren
der Wiedervereinigung, verliert dadurch einen Teil seiner Vergangenheit
und Identität, fasst Fuß in einer gewalttätigen Szene aus Türstehern,
Kickboxern und Hooligans, wird straffällig und zieht letzten Endes
seine eigene Reißleine.
Viele Film-Produzenten würden ein solches Drehbuch wahrscheinlich
ablehnen, weil der Stoff zu dicht ist, stellenweise fast klischeehaft
wirkt. Schon das Zusammentreffen, dass Felix S. Großeltern aus Südafrika
fliehen mussten, weil die Liebe zwischen einer Farbigen und einem
Weißen verfolgt wurde. Wie die Zwei in der DDR nie glücklich wurden,
aber nach dem Sturz des Regimes in Südafrika auch nicht in die Heimat
zurückkehren konnten, weil sie dort mittlerweile von den ehemaligen
Kampfgenossen als Verräter angesehen wurden. Dass dieses Ehepaar,
dann noch hochrangige südafrikanische Freiheitskämpfer kannte und
von ihnen besucht wurde, klingt wie eine Übertreibung zu viel. Schon
die Geschichte der Großeltern bietet genügend Stoff für ein Buch.
Felix hat das nicht interessiert, er hat die Geschichten seiner Großeltern
nicht hören wollen. Vielleicht weil er mit seinem eigenen Leben zur Genüge
beschäftigt war. Trotzdem bildeten seine Großeltern den einzigen Fixpunkt
in seinem Leben.
Was
die Autorin auf knapp 250 Seiten schildert, ist mehr als dreißig Jahre
aus dem Leben des Felix S. Es ist ein sehr politisches Buch ohne politische
Fingerzeige. Es ist eine dichte Schilderung der Sinnsuche von Menschen.
Die Erzählung einer Freundschaft mit vielen Hochs und Tiefs. Gleichzeitig
ist es auch eine gute Charakterstudie von Felix.
Felix, der als Mulatte in der DDR aufwuchs, als Junge wegen seiner Hautfarbe
häufig verprügelt wurde und sich irgendwann zu wehren beginnt. Seine Gegenwehr
liegt in körperlicher Stärke, wird sich später zu körperlicher Überlegenheit
auswachsen. Aber selbst dann noch, als Felix bereits deutscher Meister im
Kickboxen ist, lässt ihn die Angst nicht los. "Sein ganzes Leben schien
er sich permanent auf den Ernstfall vorzubereiten, als könne in der nächsten
Sekunde schon etwas schreckliches passieren. Wenigstens auf sich selbst
wollte er sich dann verlassen können." Für ein Kind, das in seiner Familie
keine Stabilität kennen lernte, verwundert es nicht. Der Zusammenbruch der
DDR trug sein Übriges dazu bei.
Beim Lesen des Buches wird es nachvollziehbarer, dass viele Jugendliche
nach dem Zusammenbruch der DDR in Extreme verfielen. Das Ende der DDR bedeutete
für viele Menschen auch einen Teil der Vergangenheit, der Gewohnheiten und
der eigenen Identität zu verlieren.
Die Szene, in der sich Felix bewegt, will nicht von heute auf morgen vom
Ossi zum Wessi werden. Sie sind keine Neonazi, sondern versuchen an ihrer
Ost-Indentität festzuhalten. Sie haben ihre eigenen Gesetze "Ehre, Ritterlichkeit
und Vertrauen". Und auch ihre Realität als Türsteher und / oder Hooligan
ist eine andere. Ihre Gemeinschaft gerät ins Wanken als es mehr und mehr
um Geldverdienen durch Kriminalität geht.
Felix ist stets für andere da. "Sein Leben lang wollte er immer dazugehören,
zu irgendetwas." Selbst als er im Gefängnis sitzt, kümmert er sich mehr
um die anderen als um sich selbst. Er gibt seinen Großeltern in Briefen
Gesundheitstipps. Wie es scheint hatte Felix Zeit seines Lebens für andere
Menschen ein offenes Ohr. Eine gute Taktik um nicht über sich selbst sprechen
zu müssen. Dass echte Nähe nun dann entsteht, wenn man sich selbst öffnet,
scheint Felix nicht begriffen zu haben.
Erst in der Untersuchungshaft bricht sich die Verzweiflung ihren Weg und
Felix schreibt in seinen Briefen über die eigene Kindheit. Bis dahin staute
er die Dinge in sich auf, die sich dann und wann eine Weg zur Entladung
suchten. Sei es bei organisierten Schlägereien nach Fußballspielen oder
in Alltagssituationen. "Einmal war er mit ihm (einem Freund, Anm. d. R.)
nach Potsdam gefahren, als ein anderer Autofahrer Felix' Wagen den Weg abschnitt.
Felix sprang aus seinem Auto, schlug dem anderen mit der Faust die Windschutzscheibe
ein, stieg ruhig wieder ein, drehte die Musik von Bach lauter und fuhr weiter."
Felix ist kein hirnloser Schläger. Bereits in seiner Jugend hat er festgestellt,
dass das Gesetz des Stärkerem ihm Respekt verschafft. Er trainiert zunächst
Karate, dann Kickboxen, das er eigentlich verachtet. Auf Grund seiner Körpergröße
und seiner Hautfarbe scheint es für Felix der einzige Weg sich Respekt und
Ansehen zu verschaffen. Später kommen dann schöne Frauen und große Autos
dazu. Dabei ist und bleibt Felix in seinem Inneren ein verletztes Kind,
straft alle, die ihn nach seinen Regeln verletzt haben mit Nichtachtung
und Liebesentzug und trauert dabei innerlich. Die menschliche Psyche besteht
aus vielen Paradoxa.
"Beide Verteidiger wunderten sich, als sie Felix zum ersten Mal sahen. Der
Widerspruch zwischen seiner Herkunft und der Szene, in der er sich bewegte,
war kaum zu übertreffen. 'Es ging um einen Prozess gegen Hooligans und vor
mir saß ein Farbiger mit Brille, der aussah wie ein Intellektueller', sagt
Franke (sein Anwalt, Anm. d. R.)."
Wenn Jana Simon schreibt, sie habe aus Befangenheit nicht über Felix' Strafprozess
berichten wollen und folglich das Buch fast nicht geschrieben, wäre dieser
Umstand mehr als zu bedauern, denn mit ihrem Buch ist ihr besondere Literatur
gelungen.
Ihre Schilderung der komplizierten Gegensätze und Vorgänge sind ebenso genau
wie eindringlich. Dass sie sich selbst aus der dritten Person beschreibt,
befremdet anfangs etwas, aber es bringt eine gewisse Distanz in ihre Schilderungen,
die angesichts des sehr dichten Stoffes angemessen scheint.
Thomas Maiwald
 Bestellen
Bestellen
bei "Amazon.de"
Lesen Sie auch
Umschlagtext
Leseprobe
Links
Verlegt bei
Rowohlt Berlin
Literaturkritiken.de, September 2002 | |
|