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Autokino
Albert Ostermaier

AutokinoBuch-Kritik
Mit seinem dritten Gedichtband "autokino" begibt sich Albert Ostermaier auf die Straße des Lebens, wo der Staub von gestern auf der Reise in die Gegenwart den Blick zu vernebeln sucht.
Abschnitte wie "Synchron", "Spur", "Rollen" und "Stand" verdeutlichen die Analogie zwischen der Leinwand des Kinos und dem unsteten Hin und Her der Autobahnen und Landstraßen.
Aber weniger wird das Autokino als solches zitiert, vielmehr handelt es sich um "Road-Poems", Hommagen auf das Road-Movie, Gedichte, die den Zustand der Individuen auf der Straße zwischen hier und dort beschreiben.

Die Figuren sind unterwegs, aber trotzdem nicht verschwommen. Ostermaier bekommt sie sehr genau vor seine Linse, sein Autofokus funktioniert auch in extremen Situationen.
Der Film, das ist aber auch der Benzinfilm, der über den Tankstellen liegt, wo die LKW und die Autos zum kurzen Stillstand kommen, bevor sie sich wieder im Dunkel der Nacht verlieren.
Das Umschlagbild lässt an eine andere Bedeutung des Wortes "Autokino" denken. Wir sehen überschwemmtes Land, in dem Wohnwagen und LKW halb versinken - das ist kein Platz, wo verliebte Pärchen den Film verpassen.
Das ist ein Platz, wo Träume noch vor dem Abspann verschwinden, wo aber hinter dem nächsten Wohnwagen schon wieder eine neues Glück um die Ecke schaut.

Ostermaier ist ein genauer Beobachter. In seinem Wagen kreuzt er durch die Straßen, im Rückspiegel sieht er mehr als manche durch die Frontscheibe sehen würden. Er ist sehr gegenwärtig, der Neue Markt ist ebenso ein Thema wie die elendige Leitkultur oder der Fernsehabend. Eine missglückte Liebesgeschichte wird zu einer "feindlichen übernahme", nämlich des Herzens des anderen.
Gedichte mit dem Scharm einer Chipstüte, die rascheln, wenn man in sie eintaucht und nach denen man ebenso süchtig werden kann.

Wie schon bei seinem letzten Gedichtband "Heartcore" ist auch diesmal wieder eine CD beigelegt, auf der Ostermaier 18 seiner Gedichte liest. Musikalisch wird er dabei unterstützt von Bert Wrede, der Gitarre spielt und die Samples bearbeitet hat.
Meist ist es ein treibender Drum 'n Bass-ähnlicher Rhythmus, der die Worte pusht, ohne hektisch zu werden.
In der vermeintlichen Ruhe liegt das Aufwühlende der wie nebenbei fallenden Sätze: "fehlen nur noch im / grosshirn die harfen und du / wärst eingeschlafen".
Ostermaiers Stimme ist von angenehmer Zurückhaltung und frei von jeglicher Prätention.
Was beim Hören auffällt: Oft wiederholt Ostermaier, am Ende eines Gedichtes angekommen, das Ganze einfach, wie um den Hörer / Leser in einer Endlosschleife gefangen zu halten und das Gesagte zu einer Lithurgie zu verwandeln.
Play it again, Sam.
Wie einen guten Film, den man sich gern zwei- oder mehrmals ansieht, finden sich auch in diesen Gedichten immer wieder Bilder, die man beim ersten Mal nicht gesehen hat. Es gibt kein Ende und keinen Anfang. Aber die Hoffnung, dass das was kommt besser ist als das, was man hinter sich im Rückspiegel lässt, wird nicht aufgegeben.
Ostermaier sieht den Brechtischen "Radwechsel" ebenfalls mit Ungeduld, denn er weiß, dass die Rettung irgendwo da draußen liegt. Das kann ein Kuss zwischen Supermarktregalen sein oder das Glas Rotwein in der Hand eines Freundes, kann der Moment sein, wo man allein am Fenster steht und nachdenkt über die, die im Hintergrund schlafend das eigene Kissen okkupiert, wo man allein ist mit dem (Zusammen-)Sein. Und letztendlich ist es eins, ob man die Welt hinter dem Steuer umkreist oder "auf den blinkenden / städtenamen des bildschirms", ob man "mit der handbremse / liebesbriefe auf den asphalt" brennt während sich die Nacht "im radio / überträgt" oder "die computer ihre liebesschwüre / in die welt mailen" - was bleibt, ist das "gläserne salz", das man sich gegenseitig aus den Augen küssen kann.
Tina Manske

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